Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

tarlos berichtet: Fecit et regulas de divisionibus abaci.104 Es gibt aber Indizien, welche die 
Abfassung eines solchen Traktats recht wahrscheinlich machen. Vorrangig ist hier natür¬ 
lich der über wenigstens zwei Jahre nachweisbare briefliche beziehungsweise (im Sommer 
989) persönliche Kontakt mit Gerbert zu nennen. Dessen Version des Abakus - obiges 
Zitat deutet darauf hin, daß er ein Exemplar dem Remigius in Trier hatte zukommen 
lassen - ermöglichte bereits die Multiplikation und Division zweier dreizehnstelliger 
Zahlen.104 105 Nur diese beiden Grundrechenarten, vorzugsweise die Handhabung der soge¬ 
nannten „divisio aurea“, wurden von den Abazisten oder gar Gerbertisten gelehrt und in 
eigenen Schriften behandelt. Gerbert hat bereits um 980 einen eigenen Abakustraktat ver¬ 
faßt, die „Regulae de numerorum abaci rationibus“, die nach der Jahrtausendwende re¬ 
digiert und mit Hilfe eines Werks seines Schülers Heriger erweitert wurden.106 Konsens 
der Forschung ist es, die Abfassung des ältesten abazistischen Sammelwerks auf den 
lothringischen Raum zu lokalisieren, wobei eine Datierung ±995 angenommen wird.107 
Lothringen, vor allem Lüttich, galt im Bewußtsein der Zeitgenossen als Hochburg abazi- 
stischer Studien.108 So heißt es beispielsweise im „Liber Abaci“ des Bernelinus, eines wei¬ 
teren Gerbert-Schülers: . . . Quod si tibi tedium non esset harum fervore Lotharienses ex- 
petere, quo$ in bis ut cum maxime expertus sum florered09 Von diesen Forschungen blieb 
auch die Moselmetropole nicht unberührt. In der Trierer St. Eucharius-Abtei, dem Auf¬ 
enthaltsort des Remigius in den 980er Jahren, wurde im 12. Jahrhundert eine bedeutende 
mathematisch-astronomische Sammelhandschrift erstellt, die neben Schriften des He¬ 
riger und des Bernelinus und Teilen der „Boethius“ Geometrie II auch den Abakustraktat 
eines Gerlandus enthält, der sich als Kompilation älterer Vorlagen versteht.110 Er ist in 
einer weiteren Handschrift aus St. Eucharius überliefert.111 
Mehr als eine gewisse Plausibilität vermag man der Aussage der Miracula S.Liutwini also 
nicht zuzusprechen. Das liegt nicht zuletzt an den quellenkundlichen Eigenarten mittelal¬ 
terlicher „Schullektüre“ zu den sieben freien Künsten, wo präzise Verfasserzuschrei¬ 
bungen eher die Ausnahme denn die Regel darstellen. So harren noch viele anonyme Aba¬ 
kustraktate ihrer Identifizierung oder gar der Publikation; einige sind bei Bubnov, Olleris 
und Boncompagni abgedruckt.112 
104 MGH SS XV,2, S. 1266, Z. 16 
105 zu Technik und Handhabung des bereits von Richer beschriebenen Instruments s. Lindgren, 
Quadrivium, S. 16-21; Vogel, Gerbert als Mathematiker; Moon, Abacus, jeweils mit weiterer Li¬ 
teratur 
106 Bubnov, Opera mathematica, S. 1-22 
107 Bubnov, Selbstständigkeit, S. 18, 29 u. 236f.; Folkerts, „Boethius“ Geometrie II, S. 89 u. 105 t. 
108 hierzu Butzer, Mathematiker 
109 zitiert nach Olleris, Oeuvres, S. 357 
110 Cod. Berlin Staatsbibi., Ms. lat. oct. 162, f. 91-104v; ed. Treutlein, in: Boncompagni, Scritti ine- 
ditti, S. 595-607, ebd. S. 595: . . . quicquid ab abacistis excerpere potui, compendiose collegi. 
111 Cod. Trier Stadtbibi. 1896/1438, f. 2v-5; Beschreibendes Verzeichnis X, S. 45 ist entsprechend 
zu korrigieren. 
112 s. Olleris, Oeuvres, S. 311-348 („Regula de abaco computi“) u. S. 349-356 („Libellus de nume- 
rorum divisione“), vgl. Evans, Theory and practice. Zu der Ab- bzw. Eingrenzung von Gerber ts 
authentischen mathematischen Schriften s. Beaujouau, Apocryphes. 
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