Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

2.1.1. Der Briefwechsel mit Gerbert von Aurillac 
Im Herbst 988 läßt sich der vielbeschäftigte Gerbert dazu herab, dem Remigio monacho 
Treverensi eine mathematische Anfrage zu beantworten.5 Bei dem Problem scheint ein 
Abakus benutzt worden zu sein. Ohne Umschweife kommt Gerbert aber auf ein ihm 
dringlicheres Anliegen zu sprechen: Durch seine Anspannung in den civilibus causis sei es 
ihm nicht ohne weiteres möglich, eine von Remigius offenbar erbetene Sphäre herzu¬ 
richten. Augenscheinlich zur Förderung seiner eigenen Motivation fordert er eine Ab¬ 
schrift der Achilleis des Publius Papinius Statius. Remigius ist auf dieses Tauschgeschäft 
eingegangen und hat seine Verpflichtung sogleich eingelöst, denn im Januar 989 bestätigt 
Gerbert den Empfang der Handschrift, bedauert aber ihre Unvollständigkeit.6 Einige Au¬ 
toren haben die vermeintliche Unwissenheit Gerberts moniert, dem nicht bekannt ge¬ 
wesen sei, daß die Achilleis nur unvollständig überliefert ist.7 Drei Gründe sprechen je¬ 
doch dafür, daß das Versäumnis wirklich bei Remigius lag. So bemerkt Richer zum 
Reimser Lektürekanon unter Gerbert: . . . Poetas igitur adhibuit, quibus assuescendos 
arbitrabatur. Legit itaque et docuit Maronem et Statium Terentiumque poetas . . .8 Der 
Reimser Scholastikus war folglich nicht auf die Trierer Abschrift angewiesen, um den 
Text der Achilleis zu erfahren. Das Trierer Fragment, das bereits dem Remigius vorlag, 
ist auch in eine Sammelhandschrift aus dem 11.-13. Jahrhundert eingeflossen, die aus St. 
Eucharius stammt. Sie enthält die Achilleis nur bis Vers 1,929; es fehlen 29 Zeilen des er¬ 
sten Buches und das gesamte zweite Buch!9 Als wäre dies noch nicht ausreichend, so lautet 
der letzte Vers der Trierer Handschrift ausgerechnet Auroramque timet cara coruisse ma- 
riti, womit ein Schlüsselwort für das metrische Incipit des dem Remigius zugeschriebenen 
Grammatiktraktats gefallen ist.10 
Als Kompromiß schlägt Gerbert dem Remigius vor, mit einer zum 1. März vollendeten 
einfacheren Ausführung der Sphäre vorlieb zu nehmen. Bei diesem Gerät handelte es sich 
um einen hölzernen Himmelsglobus, auf dessen mit Leder bezogener Oberfläche die 
Sternbilder beider Hemisphären farbig abgebildet waren. Der Horizont war durch einen 
Reifen markiert, die Kugel insgesamt so drehbar, daß sich die scheinbare Bewegung der 
5 Weigle, Briefsammlung, S. 161 f.; inhaltliche Analyse des Briefes s. Kap. 2.2.4. — Nur wenige Ori¬ 
ginaladressen der Gerbert-Briefe sind erhalten, das einzige Beispiel für Remigius lautet: Girbertus 
salutem dicit Remigio fratri (Weigle, Briefsammlung, S. 179) 
6 ebd., S. 175: Pregravat affectus tuus, amantissime frater, opus Achilleidos, quod bene quidem in- 
cepisti, sed defecisti, dum exemplar defecit. 
7 Raach, Mettlach, S. 60 („ein peinlicher Fehler“); Weigle, Briefsammlung, S. 175; Lutz, Schoolma¬ 
sters, S. 141. Anstelle der 12 konzipierten Bücher ist die Achilleis nur bis 11,167 erhalten. Neben 
der Ausgabe von Klotz, Papini Stati Achilleis, sei aus der Fülle der Editionen genannt P. M. Clogan, 
The medieval Achilleid of Statius, Leiden 1968 sowie ders., A preliminary list of manuscripts of 
Statius’ Achilleid, in: Manuscripta 8 (1964), S. 175-178 u. 9 (1965), S. 104-109; Jeudy, Achilleide, 
beweist, daß Remigius von Auxerre auch diese beliebte Schullektüre kommentiert hat. 
8 Richer, Histoire, 111,47 (Bd. 2, S. 56) 
9 Cod. Trier Stadtbibi. 1089/26, f. 1-9; s. Beschreibendes Verzeichnis X, S. 16 (die dortige Angabe 
Kentenichs „11,255“ entspricht der in älteren Ausgaben üblichen Zählung). Kentenich und Becker 
(in: Armaria Trevirensia, S.7) sind gegenüber dem Bezug zu Remigius zurückhaltend. Zur Hand¬ 
schrift s. auch E. Grosse, Über eine Trierer Handschrift des Statius (Programm d.Kgl. Friedrichs- 
Collegiums zu Königsberg), Königsberg 1866. 
10 s. Kap. 2.2.5.; der Vers lautet korrekt: Auroramque timet cara cervice mariti. 
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