Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

weilte er selbst in Gent zur Weihe der Abteikirehe von St. Peter.166 Meiner Meinung nach 
ist Leofsin aber nicht auf diesem direkten Weg nach Trier beziehungsweise Mettlach ge¬ 
langt. Präzis in die Jahre 984-988 lassen sich wissenschaftliche Kontakte zwischen der 
Dotnschule in Reims unter Gerbert und der Genfer Abtei datieren. Wir erfahren von 
einem Schüleraustausch, bei dem es zu kleineren Reibereien kam.167 Im Oktober 986 be¬ 
kundet Gerbert nach dem Tod Abt Widos den Genter Mönchen seine aufrichtige Teil¬ 
nahme und verspricht ihnen, so weit es in seinen Kräften stehe, mit Rat und Tat zur Seite 
zu stehen. Selbst hier verschafft er noch seiner Bibliophilie beredten Ausdruck, wenn er 
um eine Buchabschrift aus der Feder eines gewissen Claudianus bittet.168 Im Spätsommer 
987 drängt Erzbischof Adalbero bei den Gentern energisch auf die Rückgabe entliehener 
Bücher.169 
Kombiniert man diese Zeugnisse mit dem Schreiben Adalberos an Egbert von Mitte April 
988, in dem er ihm baldige ärztliche Hilfe in Aussicht stellt,170 so sind alle Indizien bei¬ 
sammen: Leofsin war dem Reimser Gelehrten bekanntgeworden, weniger als Kalligraph 
(obgleich das Genter Skriptorium sich gerade damals zu voller Blüte entfaltete)171 und 
schon gar nicht als Dichter und Hagiograph, als der er in Egmond geweilt haben mag; für 
Gerbert, selbst in der Heilkunst wohlbewandert,172 war vielmehr der „artis medicine pe- 
ritus“ wichtig. Ihn schickte er nach Trier zu dem von Jugend an kränklichen Egbert, der 
166 Translatio S. Celsi, MGH SS VIII, S. 205 (ed. G. Waitz); Annales Blandinenses, MGH SS V, S. 
25; zu den Anfangsjahren von St. Eucharius s. Becker, Abtsreihe, S. 24ff. 
167 Weigle, Briefsammlung, Nr. 36 (Erzb. Adalbero an Abt Wido, Juni-Juli 984): . . .Ex vestris fra¬ 
tribus quendam adoptavimus, sed noster, qui redire debuit, retentus est. Rescribite ergo saltim, 
quid ex his animo sederit vel si qui nostrorum puerorum penes vos institui possint, et si est, 
quando id fieri debent. 
168 ebd., Nr. 96: Qui me vobis fratrem adoptastis, orbitatem vestram ut sentiremus magnopere, ef¬ 
fecistis, virque ille venerabilis memorie nos sui memores in eternum honestis obtinuit officiis. 
Ergo agite, patrem vobis dignum cicius exquirite, ne grex dominicus fluctuet sine pastore. Nostra 
ope si indigetis, utemini et consilio et auxilio iuxta vires ac scientiam. Libros nostros festinantius 
remittite. Et si is, qui per Claudianum rescribi debuit, insuper mittetur, erit res dignissima vobis 
ac vestra karitate. 
169 ebd., Nr. 105: . . .Quosdam codices nobis vestra sponte obtulistis, sed nostri iuris nostraeque ec¬ 
clesiae contra divinas humanasque leges retinetis. . . Es ist füglich zu bezweifeln, daß die Hand¬ 
schriften je wieder nach Reims gelangten, wenn auch der Bericht des Sigerus Piscatoris (= Siger 
de Visschere), eines Chronisten des 16. Jh., von einem Brand der Abtei St. Peter - den Grundstein 
zum Neubau habe Abt Wido am 1. April 985 gelegt - auf St. Bavo und seinen Abt Otwin zu be¬ 
ziehen ist, s. Rijksarchief Gent, Fonds St. Pieters, Ireeks, Nr. 81, f. 58 v u. Annales S. Bavonis Gan- 
densis (MGH SS II, S. 185ff.), ad a. 985. In den Annales Blandinienses ist ein Klosterbrand nicht 
vermerkt. 
170 Weigle, Briefsammlung, Nr. 114: Molestia vestra deiecti relevatione relevati sumus. Addidimus 
etiam et addemus supplicationes, quas poterimus, et si quid ars medicinae labori nostro suggeret, 
quam proxime dirigemus. . . 
171 Der spätere Abt Wichard (gest. 1058), der Vorgänger jenes berühmt-berüchtigten Everhelm, ist 
bereits zwischen 988 und 994 als Schreiber bezeugt, s. Diplomata Belgica, S. 106. Unter ihm, der 
in seiner Jugend Leofsin noch selbst erlebt haben mag, bürgerten sich in St. Peter „prägothische“ 
Schriftformen ein, vgl. Verhulst, Activité. - Ein weiterer namentlich bekannter Schreibermönch 
angelsächsischer Herkunft läßt sich um 990 in Fleury nachweisen, s. J. Vezin, Leofnoth. Un scribe 
anglais à Saint-Benoît-sur-Loire, in: Codices manuscripti 3 (1977), S. 109-120. 
172 s. Kap. 2.1.1.; sein Apologet Richer spezialisierte sich nach 991 in Chartres weiter, vgl. Mac 
Kinney, Tenth-century Medicine u. Kortüm, Richer von Saint-Remi, S. 15f. u. S. 80. Dort las er 
Hippokrates, Galen und Soran. Zu angelsächsischen Traktaten der Heilkunst im 10. Jh. wie z.B. 
Bald’s Leechbook s. Cameron, Sources. 
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