Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

Das thematische Vorbild für die Episode der Kettenbefreiung brauchte der Mettlacher 
Anonymus nicht direkt bei Alkuin oder anderen berühmten Hagiographen zu suchen. 
Näher am Herzen lag ihm das literarische Schaffen des eigenen Konvents, und tatsächlich 
findet sich als Vermittler eine ältere Textvorlage, die zweifellos im späten 11. Jahrhundert 
in der Mettlacher Bibliothek vorlag und die einen breit ausgeführten, sprachlich und kon¬ 
zeptionell ehrgeizig angelegten Abschnitt bezüglich einer Kettenbefreiung enthält, von 
dem die Schlußzeilen des Anonymus nur mehr einen schwachen Abglanz bieten: die „Vita 
S. Adalberti“ des Ruopert von Mettlach.90 
1.2. Ruopert von Mettlach - „Ex eorum condiscipulatu Ruopertus quidam 
fuit. . .“91 
1.2.1. Ruopert: Hagiograph, Kunstmäzen und Elekt von Toul 
Einzig dieser knappen Notiz in den Miracula S. Liutwini verdanken wir Kenntnis darüber, 
daß der Mettlacher Mönch Ruopert von Erzbischof Egbert nach Egmond (sieben Kilo¬ 
meter von Alkmaar gelegen) geschickt worden war, um dort eine Vita des heiligen Adal¬ 
bert luculente sermone zu verfassen.92 * In der gängigen Literatur wird Ruopert als Schüler 
Gerberts in Reims aufgefaßt, was jedoch bei genauerer Analyse der Textpassage nicht ge¬ 
rechtfertigt ist: Ex eorum condiscipulatu bezieht sich nicht auf die Verhältnisse in Reims, 
sondern auf die beiden nach Mettlach zurückgekehrten Mönche, deren Mitschüler Ruo¬ 
pert in Mettlach war.92 Die Abfassungszeit der Vita Adalberti läßt sich mit Gewißheit nur 
auf das Intervall zwischen 977 und 993 - Amtszeit des in der Vita zweimal genannten Eg¬ 
bert - eingrenzen. Im Epilog wird der Auftrag Egberts angesprochen (qui. . . indefessus 
extitit procurator), in Kapitel 19 wird geschildert, wie der noch junge Subdiakon Egbert 
in Egmond durch das Wirken des heiligen Adalbert von einem Eieber geheilt wird; die 
Tempuswahl des folgenden Satzes (Hic denique est Egbertus, qui. . . Treverensem regit 
ecclesiam) belegt, daß der Erzbischof noch unter den Lebenden weilt.94 
Eine weitere Handhabe zur Datierung bietet der Tod des in der Vita mehrfach erwähnten 
Grafen Dietrich II. von Holland, dem Vater Egberts, am 6. Mai 988. Hier ist verschiedent¬ 
lich geltend gemacht worden, der Kontrast der Formulierung moderno tempore in Ka¬ 
pitel 22 zu temporibus Tbeoderici iunioris in Kapitel 18 spräche für eine Entstehung zwi¬ 
schen 988 und 993. Der ungemein vielschichtige Bedeutungsgehalt von „modernus“ 
mahnt jedoch zur Vorsicht, zumal für den Fall der Spätdatierung nicht ohne weiteres er¬ 
sichtlich ist, weshalb der Nachfolger Graf Dietrichs und Bruder Egberts, Graf Arnulf von 
90 gemeint ist deren cap. 26/27; s. Kap. 1.2.2. 
91 MGH SS XV,2, S. 1264, Z. 44f. 
9~ maßgebliche Edition Vita Sancti Adalberti Confessons, ed. G. N. M. Vis, S. 40-72 (mit holländi¬ 
scher Übersetzung); ältere Ausgaben: Oppermann, Fontes Egmundenses, S. 3-22; AA SS Juni VII, 
S. 82-90 (ed. G. Henschen); Auszüge in MGH SS XV,2, S. 699-704 (ed. O. Holder-Egger); Kapi¬ 
telzählung im folgenden nach Vis-Edition 
92 so erstmals Haenchen, Kritik, S. 56 und jetzt Vis in seiner Einleitung, S. 14; ältere Auffassung u.a. 
bei Raach, Mettlach, S. 49 u. Juffermans, La vie de St. Adalbert, S. 52 
94 Belegstellen Vis-Edition, S. 62 u. 70 
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