Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

Zusammenfassung 
Am Beispiel der beiden Lebensbeschreibungen der Königin Mathilde hat jüngst G. Althoff 
demonstriert, wie anregend und bereichernd für das Verständnis mittelalterlicher histo- 
riographischer Texte sich die Suche nach der „causa scribendi“ ihres Autors gestalten 
kann.1 Betrachtet man unter diesem Aspekt die in den monastischen Gemeinschaften der 
Saargegend entstandene Literatur, so wird man einer Konzentration, um nicht zu sagen 
Verengung auf ein bestimmendes Agens gewahr: Speziell für die Abfassung hagiographi- 
scher und liturgischer Texte stellt sich in der überwiegenden Mehrzahl der untersuchten 
Fälle der Wunsch beziehungsweise explizite Auftrag des geistlichen Oberhirten (konkret 
meist des Erzbischofs von Trier) als Ausgangspunkt dar. Remigius von Mettlach schreibt 
ebenso wie sein Konventuale Ruopert auf Befehl Erzbischof Egberts, Eberwin von Tholey 
verfaßt Heiligenviten für die Erzbischöfe Liudolf und Poppo, Theoderich von Tholey 
schreibt seine Konradsvita constrictus imperio des eigenen Abtes (die späteren Pamphlete 
gegen Gregor VII. wiederum auf Geheiß Erzbischof Egilberts). In all diesen Fällen haben 
wir es keinesfalls mit bloßer Exordialtopik zu tun; der Status von Mettlach, Tholey oder 
St. Nabor als Bischofsklöstern erlaubt dem Klosterherrn unbeschränkten Zugriff auf das 
intellektuelle Reservoir der Konvente. Eigenbewußtsein dokumentiert sich hingegen in 
den „Miracula S. Liutwini“, deren anonymer Verfasser von Stolz auf die Tradition der 
Mettlacher Klosterschule erfüllt ist. Gänzlich isoliert stehen die Verse verschiedener Au¬ 
toren aus St. Nabor (St. Avold). Ihnen gemein ist die Freude an der Form, am Spiel mit 
den gestalterischen Möglichkeiten „zweckfreier“ Lyrik. 
Nach diesen ersten skizzierenden Überlegungen stellt sich die Frage nach den Spezifika 
einer „Literaturlandschaft“, deren Produktionsstätten vorzugsweise auf dem flachen 
Land südlich der Metropole Trier und östlich des alten Kulturzentrums Metz angesiedelt 
sind. Mit dieser - zugegeben groben - geographischen Lagebeschreibung sind bereits die 
Koordinaten des Spannungsfelds abgesteckt, in dem sich die literarischen Aktivitäten der 
Klöster und Stifte der Saargegend abspielen. Diese „passive Geschichtslandschaft“2 ist auf 
die befruchtenden Impulse von außen angewiesen. Vorzüglich zeigt dies ein Blick auf die 
Herkunft der Mehrzahl der behandelten Autoren. Lioffin von Mettlach und Theoderich 
von Tholey sind ebenso importierte Fachkräfte wie später Adolf von Essen und Eberhard 
von Kamp. 
Die dabei ermittelten Phasen intensiver literarisch-wissenschaftlicher Beschäftigung kor¬ 
respondieren durchaus geläufigen Schemata; letztlich gelten für Formung und Überliefe¬ 
rung klösterlicher Literatur der Saargegend folgende thesenartig zusammengefaßten Er¬ 
gebnisse: 
1. Karolingerzeitliche Skriptorien besitzen nur St. Nabor und Hornbach, wobei die Beein¬ 
flussung durch Metz bestimmend ist. Für das dortige Domkapitel wird um 800 in 
1 G. Althoff, Causa scribendi und Darstellungsabsicht: Die Lebensbeschreibungen der Königin 
Mathilde und andere Beispiele, in: Litterae Medü Aevi (Festschrift J. Autenrieth), hrsg. v. M. Bor- 
golte u. H. Spilling, Sigmaringen 1988, S. 117-133 
2 Hoppstädter/Herrmann, Geschichtliche Landeskunde, S. 537; vgl. auch Faber, Was ist eine Ge¬ 
schichtslandschaft? 
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