Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

Diese Größenrelation entspricht damit weit eher beispielsweise der 1392 gegründeten 
Kartause Nieuwlicht („Nova Lux“) bei Utrecht, über deren frühe Handschriften eine aus¬ 
gezeichnete kodikologische Untersuchung vorliegt.31 Demgegenüber sind die Retteier 
Handschriften — abgesehen von den summarischen Angaben in Quicherats Catalogue 
général - bislang nicht in das Blickfeld der Forschung gelangt. Wie aber rekrutierte sich 
der Bestand, worauf richteten sich die Lektüreinteressen eines spätmittelalterlichen Kar¬ 
täuserkonvents hin aus? In die Betrachtung eingeschlossen sind hierbei die älteren, zum 
Teil wohl von der Benediktinerabtei übernommenen Handschriften sowie die wenigen 
frühneuzeitlichen Zuwächse,32 
Zunächst einmal verdeutlicht die Analyse der Besitzvermerke die Hilfestellung, die die üb¬ 
rigen Kartausen der Neugründung durch „Dauerleihgaben“ geleistet haben. Sieben 
Handschriften stammen aus St. Alban, je eine aus Basel, Mainz und Freiburg i. Breisgau.33 
Vorzugsweise handelt es sich um ältere liturgische Bücher, die zur Grundausstattung einer 
Kartause gehören. Die Bezüge zum Trierer Kloster laufen dabei über Adolf von Essen, den 
Freiburger Codex hat wohl Johannes Apothecarius beigesteuert, der auch an der Erstel¬ 
lung von Nr. 353 beteiligt war. Private Vorbesitzer und Stifter, wie sie sich etwa bei St. 
Alban nachweisen lassen, sind dagegen nicht bekannt.34 Insgesamt tragen nur 22% des 
Bestandes einen Besitzvermerk, der — ähnlich wie im Fall der Kartause Mainz — sehr unter¬ 
schiedlich formuliert sein kann. Hier waren die individuellen Vorlieben des jeweiligen 
Schreibers oder Bibliothekars maßgeblich, eine vorgegebene Ordensnorm existierte nicht. 
Die Zuordnung nach Rettel ist aber stets durch den charakteristischen Einband aus dem 
18. Jahrhundert gewährleistet.35 Die einzige erhaltene alte Bibliothekssignatur („B 
XXIII“) findet sich in Nr. 371, das Katalogisierungssystem war also offenbar primitiver 
als in Mainz, wo eine dritte Orientierungsangabe hinzukommt.36 Nur bei wenigen Co¬ 
31 J. P. Gumbert, Die Utrechter Kartause und ihre Bücher im frühen 15. Jahrhundert, Phil. Diss. 
Leiden 1972. Insgesamt erfaßt Gumbert 52 vor 1430 entstandene Handschriften. 
32 Die ältesten Teile von Nr. 651 reichen ins 11. Jh., aus dem 12. Jh. stammt Nr. 450, aus dem 13./14. 
Jh. Nr. 247, 261, 320,332,370 (datiert), 371, 375,459,465,472,485, 575,590, 747. Aus dem 
16. Jh. ist Nr. 579, aus dem 17. Jh. Nr. 267, 495, 505, 553, 619, 630, 639, 655, 694. Hss. des 
18. Jh. sind Nr. 514, 657 und die Abt Klein gewidmete Nr. 1222. Natürlich muß man damit 
rechnen, daß auch ältere Hss. erst später über Kauf oder Schenkung nach Rettel gelangten, gesi¬ 
chert ist dies für Nr. 474. 
33 Nr. 261, 320, 321, 326, 370, 569 u. 604 stammen aus dem Trierer Kloster, Nr. 371 aus Basel, 
Nr. 463 aus Mainz (Bibliotheksbeziehungen zwischen diesen beiden Kartausen sind nachge¬ 
wiesen, s. Schreiber, Bibliothek, S. 84ff. ) und Nr. 632 aus Freiburg. Auch Nr. 464 ist nicht in 
Rettel entstanden. Ein Trierer Codex ist u. U. bis in die erwähnte Kartause Utrecht gelangt, s. 
Gumbert, Kartäuser und ihre Bücher, S. 67. 
34 vgl. J. Simmert/P. Becker, Eine Anregung zur Einrichtung einer Universitätsbibliothek im Testa¬ 
ment des Trierer Magister Dr. theol. Joh. Leyendecker (gest. 1494), in: G. Droege u. a. (Hrsg.): 
Verführung zur Geschichte. Festschrift zum 500. Jahrestag der Eröffnung einer Universität in 
Trier, Trier 1973, S. 150-164 
35 so bereits Quicherat, Catalogue général, S. XCVII-C. Die Zuverlässigkeit dieser Methode zeigt 
sich beispielhaft an Cod. Nr. 474, den Quicherat korrekt der Kartause zuordnet, ohne daß er den 
Besitzvermerk auf dem Vorsatzblatt bemerkt hätte. 
36 Schreiber, Bibliothek, S. 23ff. Keine Anhaltspunkte gibt es in den Quellen für einen Retteier Bi¬ 
bliothekskatalog. Der letzte Mainzer Katalog ist 1718 angelegt worden, just in den Jahren, in 
denen in Rettel Cod. Metz Nr. 514 und AD Moselle H3567bis entstanden. Als vorbildlich wurde 
in Mainz die Bibliotheksordnung aus St. Alban empfunden und für den eigenen Konvent adaptiert 
(ediert bei Schreiber, Bibliothek, S. 190-194). Bei den engen Beziehungen zwischen der Trierer 
Kartause und Rettel ist es wahrscheinlich, daß eine ähnliche Ordnung auch in der Neugründung 
galt. 
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