Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

es, den Produktionsablauf immer rationeller und systematischer zu gestalten. Nicht 
das zu bearbeitende Werkstück mußte zur entsprechenden Arbeitsmaschine gebracht 
werden, sondern diese konnte variabel den Bedürfnissen einer kontinuierlichen, rei¬ 
bungslosen Herstellung angepaßt werden. Diese Entwicklung führte noch vor dem Er¬ 
sten Weltkrieg in den USA zur Einführung der Fließbandproduktion bei Ford und 
wurde im Deutschen Reich vor allem von den Betrieben der Elektroindustrie mit Er¬ 
folg praktiziert92. 
Besonders wirkungsvoll konnten sich Elektromotoren auf dem Feld des innerbetrieb¬ 
lichen Transports von Anfang an selbst in solchen Unternehmen durchsetzen, die ein 
auf Dampfmaschinenbasis ruhendes, über Wellen, Transmissionen, Vorgelege, Rie¬ 
men usw. verteiltes, relativ gut eingespieltes Kraftübertragungssystem zählen konnten. 
Der aufgelöste elektrische Antrieb revolutionierte geradezu die Technik der 
Lastenförderung93. Während bislang beispielsweise Kräne fest auf einem Fundament 
montiert standen, bestenfalls drehbar und mit komplizierten maschinellen Umschalt¬ 
einrichtungen oder hydraulischen Hubwerken ausgerüstet waren, gelang es jetzt, für 
jede der Kranbewegungen einen besonderen Antrieb mit Elektromotor einzusetzen. 
Das Hauptproblem, die Transporte von oben zu bewältigen, war damit gelöst. Für die 
Hüttenwerke brachte die Neuschaffung des elektrischen Kranes die langersehnte Be¬ 
freiung der Hüttenflure von den Kransäulen der Drehkräne. In kurzer Zeit fanden alle 
Ausführungen ihren Verwendungszweck: Hochofenhilfskräne, Mischer- und Gie߬ 
kräne, Chargier-, Zangen-, Stripper- und Tiefofenkräne. Aber auch in den Walzwerken 
setzte sich der Elektromotor über Rollgänge bis hin zum gesamten elektrischen Walz¬ 
werkantrieb kontinuierlich durch94. 
a) Elektrische Kraft- und Wärmeanwendung in der Eisen- und Stahlindustrie 
an der Saar 
Die Einführung des elektrischen Kraftbetriebes datierte in den fünf großen Hütten des 
Saarreviers auf das letzte Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende95. Sie wurde — wie in 
anderen Schwerindustrierevieren auch — begünstigt durch die aus wärmewirtschaftli¬ 
92 Vgl. Elektrischer Einzelantrieb (1899); Ruby (1980); Scharll (1965),S. 17 6ff.; Kinkel/ 
Fei 11 (1965), S.30lf.; Henniger (1980), passim. Der Elektromotor war gegenüber an¬ 
deren Kleinkraftmaschinen bequem aufzustellen und leicht zu handhaben, erforderte einen 
geringen Bedienungs- und Wartungsaufwand, konnte leicht ein- und ausgeschaltet sowie be¬ 
quem in der Drehzahl reguliert werden und verursachte zudem wenig Lärm. Weitere Vortei¬ 
le lagen in einer großen Überlastungsfähigkeit (besonders beim Gleichstrommotor), in den 
geringen Leerlaufverlusten und in der großen Anpassungsfähigkeit an die entsprechenden 
Arbeitsmaschienen. Letzteres zog beim Einzelantrieb den Wegfall der Transmissionen nach 
sich und bedeutete für die mit oder an der Maschine arbeitenden Personen eine verringerte 
Unfallgefahr bei der Bedienung, ein Argument, das in zeitgenössischen Abhandlungen und 
Berichten immer wieder herausgestrichen wurde, vgl. z.B. Dett mar (1913), S. 554, 588f. 
und 590f.; Bräter (1914), vor allem S. 20f. 
93 Kämmerer (1907); ders. (1908), S. 423ff., 454ff., 476ff., 499ff.; Hermann (1910), 
S. 613ff.; Enke (1953), S. 378ff.; Renker (1965), S. 166ff. 
94 Bertsch, Wilhelm, Die Elektrizität im Aufgabenkreis unseres Werkes, in: Du und Dein 
Werk (Röchling-Werkzeitschrift) 2 (1953), S. 80ff. (Saarstahl Völklingen-Werksarchiv). 
95 Röchling 1893, Dillinger Hütte 1896, Haiberger Hütte 1892, Burbacher Hütte 1895, Neun- 
kircher Eisenwerk 1900. Zur technischen Entwicklung vgl. ebenfalls Johannsen (1939), 
S. 17ff.; Hey mann/Zinkernagel (1965), S. 7ff. 
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