Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

Zusammenfassung 
1. Das Verdienst, die Elektrizität an der Saar eingeführt zu haben, gebührt der Privat¬ 
wirtschaft und der preußischen Bergwerksdirektion. Da letztere die Anwendung elek¬ 
trischer Energie fast 30 Jahre lang auf den Eigenbedarf beschränkte, fügt sich die saar¬ 
ländische in die allgemeine Entwicklung in Deutschland ein: Private Unternehmer er¬ 
griffen als erste die Initiative zur Anwendung der neuen Technologie und nahmen 
dabei auch das Risiko von Rückschlägen und Fehlinvestitionen in Kauf. Die Stufen der 
Elektrifizierung, angefangen von elektrischer Beleuchtung über das Nachrichten- und 
Signalwesen zu Elektromotor und Elektrowärmeanwendung, wurden von der Indu¬ 
strie an der Saar etwa parallel zur Entwicklung in anderen vergleichbaren Regionen 
Deutschlands beschritten. Die aufgezeigte Abfolge muß auch als eine Konsequenz des 
Angebotes auf dem sich stetig vergrößernden Markt für Elektrogeräte und -maschinen 
gesehen werden. Technische Neuerungen der noch jungen Elektroindustrie wurden 
nach und nach entwickelt und waren entsprechend für die Anwendung verfügbar. 
Auf die neuen Techniken des Beleuchtungssektor oder des Antriebes von Arbeitsma¬ 
schinen reagierte auch die Konkurrenz der Hersteller von Gaslicht bzw. Gasmotoren 
und Dampfmaschinen mit Innovationen. Trotzdem war der Siegeszug des Einsatzes 
elektrischer Energie nicht mehr aufzuhalten. Besonders nach der Jahrhundertwende 
konnte sich kein Unternehmen bei Umbauten, Erweiterungen oder Neuanlegung sei¬ 
ner Produktionsstätten mehr der Einführung elektrischer Energie entziehen. Auch Be¬ 
triebe des tertiären Sektors, wie beispielsweise Lagerhäuser oder Handelsunterneh¬ 
men, profitierten entscheidend von den Verbesserungen, die der Elektromotor für das 
innerbetriebliche Transportsystem, in erster Linie Kräne, Aufzüge und Transportbän¬ 
der aller Art, brachte. Bevorzugt waren die Industrieunternehmen, die Eigenerzeu¬ 
gung auf kostengünstiger Rohstoffbasis betreiben konnten. Hierzu zählten vor allem 
die großen Saarhütten, die Gicht- und Kokereigase etwa ab 1900 zur preiswerten Her¬ 
stellung von elektrischer Energie nutzten. In diesen Betrieben steigerte sich der Strom¬ 
bedarf so rasant, daß alle Hütten noch vor dem Ersten Weltkrieg ihre elektrische Kraft¬ 
erzeugung konzentrierten und große zentrale Kraftwerke errichteten. Auch in ande¬ 
ren Branchen, die in ihrer Produktion anfallende Prozeßwärme oder Abfallstoffe 
nutzen konnten, lohnte sich die Eigenerzeugung von Strom. Dennoch kann weder für 
die Zeit bis 1913/14, geschweige denn bis zur Jahrhundertwende von einer umfassen¬ 
den Elektrifizierung ausgegangen werden, wie sie bislang immer wieder von der ein¬ 
schlägigen Forschung vertreten wurde. Der Einsatz elektrischer Energie vollzog sich 
zwar — etwa im Vergleich zur Entwicklung der Dampfkraftverwendung — in relativ 
kurzer Zeit; unter dem zeitgenössisch bestimmten Eindruck der großen Vorteile und 
Umwälzungen, die diese neue Technik nach sich zog, wurde jedoch offensichtlich das 
Tempo der Elektrifizierung überschätzt. Für die vielfach propagierte Durchdringung 
von Wirtschaft und Gesellschaft mit elektrischer Energie fehlte — nicht nur im Saarre¬ 
vier — als entscheidende Voraussetzung noch eine flächendeckende öffentliche Ver¬ 
sorgung. 
2. Die einseitig montan wirtschaftlich geprägte Industriestruktur der Saarregion ver¬ 
hinderte lange Zeit das Aufkommen der öffentlichen Elektrizitätsversorgung. Durch 
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