Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

Régie des Mines hatten sich offensichtlich mehr Einfluß bei den für die 
Marshallplanmittel-Verteilung zuständigen Pariser Stellen verschaffen können. Un¬ 
wägbarkeiten im Zeichen der politischen Rückgliederung und des wirtschaftlichen 
Anschlusses an die Bundesrepublik Deutschland ließen die Verwirklichung des Ens- 
dorfer Kraftwerksprojektes erneut langsamer als vorgesehen vorankommen. Das Pro¬ 
blem unzureichender und unsicherer Leistungsabdeckung der VSE blieb bestehen und 
sollte sogar noch eine unerwartete Verschärfung erfahren. 
Die Régie des Mines hatte sich während der Zeit der Sitzungen der Kommission für 
Stromversorgungsaufgaben wegen Vermietung der in St. Barbara kurz vor der Fertig¬ 
stellung stehenden Leistung zurückgehalten, obwohl die VSE immer auf die Anmie¬ 
tung einer Leistung von rund 50 MW als Ersatz für die verweigerten 55 MW aus dem 
Kraftwerk Weiher gedrängt hatte. Es gelang ihr aber nicht, den Régie-Nachfolger Saar¬ 
bergwerke AG zu einer entscheidenden Stellungnahme zu bewegen. Während dieser 
Zeit nahm auch das RWE mit Saarberg Kontakte auf, um Kraftwerksleistung zu erhal¬ 
ten. Bei diesen Verhandlungen berief sich das RWE auf die alte Abnahmeverpflichtung 
der deutschen Elektrizitätswirtschaft von 1934/35, nach der 400 Mio kWh aus dem da¬ 
maligen Saargebiet an das Reichsgebiet abgegeben werden sollten164. Nachdem diese 
Abnahme an den unüberwindbaren Preisvorstellungen der Saargrubenverwaltung ge¬ 
scheitert war, hatte die VSE die Leistung vom Kraftwerk Weiher 1942 angemietet, 
konnte aber diesen Anspruch nach dem Krieg, wie erwähnt, nicht durchsetzen. Nun 
ging diese Leistung ein zweites Mal verloren. Das RWE erbaute nach Zusicherung der 
Lieferung durch Saarberg eine 220 kV-Leitung von St. Barbara nach Homburg und eine 
110 kV-Leitung von St. Barbara in den Raum Kusel-Baumholder zum Abtransport der 
50 MW von Weiher165. Als Ersatz hierfür bemühte sich die VSE daraufhin um 72,5 
MW der insgesamt 145 MW betragenden Erweiterung des Kraftwerkes Fenne166. Zwi¬ 
schen dem Leistungsangebot, das die Saarbergwerke der VSE hierfür machten und dem 
Preis, den die Grube vom RWE erhielt, bestand bei 5.000 Benutzungsstunden (362,5 
Mio kWh) eine Preisdifferenz von rund 247 Mio Francs zu Ungunsten der VSE167. 
Das Saarberg-Angebot lag für die VSE zu hoch, denn die Erzeugungs- bzw. Bezugsko¬ 
sten der VSE mußten unter allen Umständen geringer sein als die Kosten der Eigener¬ 
zeugung der Großindustrie, da nur auf diesem Wege der langfristige Übergang der In¬ 
dustrie zum Fremdstrombezug möglich war. In die Strompreisverhandlungen zwi¬ 
schen Saarbergwerken und VSE über die Anmietung von Leistung aus Fenne platzte 
die Nachricht, daß sich RWE und Saarberg darüber verständigt hatten, daß das RWE 
jegliche freie Leistung von Saarberg übernehmen würde168. Diese Vereinbarung be¬ 
164 Bell mann (1957), S. 199; vgl. Kap. V.2. 
165 Vgl. RWE-Niederlassung Merzig, in: Keil (1958), S. 184f. 
166 Zu Fenne vgl. Meyer (1956), H. 4 S. 24ff.; Fenne II kam nach vier Jahren Bauzeit am 
22.06.1957 in Betrieb und wurde am 28.02.1986 stillgelegt. Das Kraftwerk war die erste 
Blockanlage an der Saar auf Steinkohlebasis mit Schmelzkammerfeuerung, Zwischenüber¬ 
hitzer und Flußwasserkühlung, wodurch die Kohle besser zur Stromerzeugung genutzt 
werden konnte (vgl. SZ-RA, Saarbrücker Zeitung, Ausgabe West-V Nr. 144 v. 26.06.1986). 
Probleme bereitete diese Technologie allerdings durch ihre höheren Stickoxidemissionen 
(vgl. Kap. VIII. 3.b). 
167 VSE-AHV, Aufsichtsratssitzung v. 25.04.1955. 
168 Ebd., Nachlaß Keßler: Die Vereinbarung zwischen Saarberg und RWE widersprach nach 
Ansicht von Keßler einer Abrede, die VSE und RWE zuvor getroffen hatten. 
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