Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

Bischof von Verdun ante praesulatus officium plurimos annos sub habitu monasti¬ 
cae religionis exegerat269. 
Die ,Vita S. Pauli' geht also der um 1008/10 entstandenen , Vita Madalvei' und der 
wenig später verfaßten , Vita S. Chraudingi' voraus. Sie wird aber auch, wie schon 
zu zeigen war, von der zwischen 994 und 1008 - eher früher als später - von Eber- 
win, dem Freunde Richards von St. Vanne, verfaßten Trierer ,Vita S. Magnerici' 
vorausgesetzt. Sie gehört also aller Wahrscheinlichkeit nach noch in die letzten 
Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts, in die Frühzeit des von Bischof Wigfrid (959- 
983) gegründeten Verduner Klosters St. Paul. Von Wigfrid berichtete der Fortset¬ 
zer der ,Gesta episcoporum Virdunensium', ein Mönch aus St. Vanne270: 
Iste diligentissime antecessorum suorum acta requirebat, et vitam eorum am¬ 
plectendo, quibus poterat modis imitari cupiebat. Cum autem de eorum virtu¬ 
te et bona opinione multa legeret, et de statu aecclesiae istius, a quibus ditata 
fuerat, satis exquireret, invenit Paulum episcopum inter alios praecipue eam 
rebus collatis exaltasse et ex inope divitem fecisse. 
Wigfrid erforschte sorgfältig die acta seiner Vorgänger. Besonders interessierte er 
sich für die Vita seines Vorgängers Paulus, dem er ein Kloster widmete und in des¬ 
sen Kirche er 971/72 seinen erschlagenen Neffen Richer und sich selbst bestatten 
ließ271. Das Interesse des Wigfrid für seine Vorgänger scheint sich auch im Falle des 
hl. Sanctinus von Verdun in einer bald nach 962 entstandenen hagiographischen 
Auftragsarbeit niedergeschlagen zu haben272. Zu Wigfrid paßt im Falle der, Vita S. 
Pauli' die Nähe zur lothringischen Reform der benediktinischen Klöster, die der 
Bischof von Verdun wie andere Schüler Bruns von Köln unterstützte273. Man wird 
kaum fehlgehen, wenn man sich die, Vita S. Pauli' noch zu Lebzeiten Wigfrids von 
einem Mönch von St. Paul in Anlehnung an das Frzählschema der um 980 entstan¬ 
denen Vita des Abtes Johannes von Gorze entstanden denkt. 
Im Zusammenhang mit der ,Vita‘ ist auch eine ,Translatio S. Pauli' entstanden274, 
welche die Überführung von Paulusreliquien von Verdun nach Tholey und damit 
verknüpfte Wunder berichtet275. Wohl wieder im Zusammenhang der Bemühun¬ 
269 Vgl. Levison, Geschichte 67. Die Vita Chraudingi, c.l (AA SS Sept. V 514 A) schreibt 
wörtlich die Vita Pauli, c.3 (AA SS Febr. II 175 A/B) aus. 
270 Cont. gest. epp. Vird., c.3; MG SS IV 46. 
271 Graf Richer wurde 970 in der Fehde des Bischofs mit Graf Sigifrid von Luxemburg er¬ 
schlagen. Vgl. Roussel, Histoire Verdun I 209 f. ; Müller, Dekanate 283; Hugo, Annales 
CCCXIX ff. ; Evrard, Actes Verdun I Nr. 26; Bloch, Urk. St. Vanne I Nr. 20. 24. 
272 Die ,Vita Sanctini' I (c.2) nennt Bischof Berengarius beatae memoriae, ist also nach des¬ 
sen Tod (962) entstanden (vgl. u. S. 150). Die bei Gauthier, Evangélisation 99 und v. d. 
Straeten, Manuscrits 150 f. auf Grund eines falschen Todesdatums des Bischofs Berengar 
gegebenen termini post quem sind zu korrigieren. 
273 Vgl. u. S. 158. 8 
274 V.d. Straeten, Manuscrits 114 Nr. 70, 132 ff. Wassebourg, Antiquitez 95vf., kannte die¬ 
sen Translationsbericht. 
275 Vgl. u. S. 127. 152. 159. 
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