Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

Die chronologische Analyse ergibt für Paulus die Daten vor 626-643/47. Seiner 
Bildung und seinen Verbindungen nach stammte Paulus zweifellos aus einer ober¬ 
schichtliehen Familie des Reiches, wahrscheinlich romanischer Prägung. Der Na¬ 
me Paulus ist im 5. Jahrhundert in der senatorischen Aristokratie des spätrömi¬ 
schen West-Reiches zu belegen: ein comes Paulus verhinderte 469 zusammen mit 
dem Frankenkönig Childerich einen westgotischen Vorstoß auf Orléans218. 
Ein Paulus war Bischof von Sens südlich von Paris im Anfang des 6. Jahrhun¬ 
derts219, ein anderer 585 Bischof des südfranzösischen Die220. Bereits im 5. Jahr¬ 
hundert begegnete unter Bischof Polichronius auch in Verdun ein Priester dessel¬ 
ben Namens221. Nun hat der 916/17 schreibende Verfasser der ,Gesta episcopo- 
rum Virdunensium1 die Notiz in seinen Bericht über Paulus eingeflochten, er sei 
der Bruder des Bischofs Germanus von Paris gewesen222. Diese Notiz macht einen 
zunächst ratlos, weil Germanus von Paris bereits 576 verstorben ist. Sollte jedoch 
der nüchterne Berthar tatsächlich ganz ohne Anhaltspunkt das Leben des Paulus 
, romanziert ‘ haben, wie N. Gauthier annimmt? Warum fehlen dann weitere Aus¬ 
führungen in seinem Bericht, etwa über die Bedeutung dieser Familie, Vater, Mut¬ 
ter usw. ? Die Angabe erscheint ausgesprochen disfunktional. Sollte sie nicht eher 
eine versuchte und fehlgeschlagene Präzisierung einer Tradition darstellen, die 
Paulus einen Bruder Germanus zuschrieb? Dabei ist dann an die Familie des Bi¬ 
schofs Numerian von Trier zu denken, mit dem Paulus zusammenarbeitete: Op- 
tardus, der Vater Numerians, stammte aus einer Trierer Senatorenfamilie (ex géné¬ 
ré senatorum); seine Brüder waren Germanus, der Gründer des Klosters Moutier- 
Grandval, und Optomarus, der am austrasischen Hofe eine bedeutende Stellung 
bekleidete223. Mit der Trierer und Metzer merowingisch-romanischen Gesell¬ 
schaft224 verbinden Paulus von Verdun die intensiven Beziehungen nach Aquita¬ 
nien, wo die spätantiken Traditionen, Struktur und Bildungsniveau besser als im 
Osten bewahrt werden konnten. Die Freunde aus dem Kreis der palatini waren 
größtenteils Aquitanier oder wirkten im Süden: Eligius, der aus seiner Gründung 
Solignac im Limousin den Abt Remaclus in den Osten beruft, Sulpicius von Bour¬ 
ges, Desiderius von Cahors. Desiderius lud Paulus zur Mitwirkung bei der Weihe 
der Kirche seiner kolumbanisch geprägten Klostergründung St. Amantius und zu 
einem Aufenthalt in Cahors ein225. Verdun besaß später das Kloster St. Amantius 
(St. Amans) in der Rouergue, und es ist auf diese Bindungen zurückzuführen, 
218 Zöllner, Gesch. Franken 39; Böhner/Weidemann, Gallien 247. Im 4. Jh. wird in Reims 
ein virpraesidialis namens Paulus, Vater des Aelianus, genannt. Vgl. Stroheker, Adel 203 
Nr. 294; Martindale, Prosopography II 851 f. ; Heinzeimann, Prosopographie 666 f. 
219 Duchesne, Fastes II 415. 
220 Duchesne, Fastes III 71. 
221 Gauthier, Evangélisation 145 ff. 
222 Vgl. Levison, Geschichte 66. Spätere Breviarien aus Verdun behaupten nur noch, daß 
Paulus consanguineus des Germanus von Paris war (Souplet, St. Paul 7). 
223 Stroheker, Adel 178. 197; Ewig, Trier 129 ff. ; Prinz, Mönchtum 145; Gauthier, Evangé¬ 
lisation 356 ff. 
224 Vgl. zu den Romanen der merowingischen Zeit um Trier und Metz: Böhner, Altertü¬ 
mer; Stein, Franken. 
225 Prinz, Mönchtum 134 f.; Gauthier, Evangélisation 411 f. 
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