Full text: Bildungspolitik im Saarland

mischte157. Vor allem kirchliche Amtsträger ergriffen, gestärkt durch das gestiegene An¬ 
sehen, das die Kirchen aufgrund ihres Widerstandes gegen das Hitlerregime damals all¬ 
seitig genossen, für die Lehrer Partei. So protestierte Kirchenrat Wehr in einem Schreiben 
an den Vorsitzenden der Verwaltungskommission, Erwin Müller, energisch gegen die bis¬ 
herigen Wege der Epuration, die er in Gefahr sah, sich vom summum jus zur summa in¬ 
juria zu entwickeln. In Anlehnung an die Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutsch¬ 
land vom 2. Mai 1946 zur Entnazifizierungsfrage kritisierte Wehr die ergriffenen Sühne¬ 
maßnahmen in ihrer Zielsetzung, den nationalsozialistischen Ungeist zu überwinden, 
offen als unglaubwürdig158. Ebenso entschlossen wie Wehr gingen auch eine Reihe von 
katholischen Pfarrern, die im damaligen Saarland ungeachtet der auch hier nach dem Er¬ 
sten Weltkrieg endgültig abgebauten geistlichen Schulinspektion immer noch eine fakti¬ 
sche Aufsichtsautorität besaßen, mit den Säuberungspraktiken ins Gericht. So nannte 
zum Beispiel Pfarrer Fiseni aus Illingen die zu erwartende Entlassung bzw. Pensionierung 
von 6 der 7 Lehrer an der dortigen Volksschule unverblümt als zu hart und appellierte in 
seinem Schreiben an Müller, im Interesse eines moralischen Aufbaus ... die Menschlich¬ 
keit nicht ganz auszuschalten159. In fast allen Eingaben wurde nicht nur die schematische 
und inquisitorische Art und Weise der Schuld- und Urteilsfindung kritisiert, die angesichts 
einer komplexen Mischung von festgeschriebenen politischen, juristischen und morali¬ 
schen Maßstäben für eine personenbezogene Schuldermittlung tatsächlich versagen 
mußte, sondern-auch die Besetzung der Entscheidungsgremien mit juristisch ungeübten 
und unerfahrenen Personen, die aufgrund persönlicher Leiderfahrungen und schlimmer 
Benachteiligungen in der Zeit des Dritten Reichs oft einen Hang zu harten Bestrafungen 
erkennen ließen. Zweifel an der Urteilsfähigkeit der Untersuchungsausschüsse und der 
rechten Wirkung der von ihnen betriebenen politischen Säuberungen wurden aber auch 
von Mitgliedern dieser Gremien selbst laut. Ein Beispiel dafür sind die Begründungen 
einer Realschullehrerin für ihren Rücktritt als Mitglied der zentralen Entnazifizierungs¬ 
kommission für Volks- und Realschullehrer. Im Rückgriff auf das damals noch im Saar¬ 
land sehr populäre christliche Naturrecht beklagte sie vor allem, daß die Entnazifizierung 
nicht nur für eine Lehrernot ohnegleichen und eine Schulnot, wie sie nicht zu sein 
brauchte, verantwortlich gemacht werden müsse, wobei sie gleichzeitig die Schulkinder 
157 Vgl. dazu das gemeinsam vom Verband katholischer Erzieher und der Arbeitsgemeinschaft für 
evangelische Unterweisung Unterzeichnete Protestschreiben zur Entnazifizierung an die Verwal¬ 
tungskommission vom 30. 9. 1947, in dem von der Gefahr gesprochen wird, daß die bisherigen 
Methoden, lrrtümer und Widersprüche der Entnazifizierung den Neuaufbau eines demokrati¬ 
schen Staatswesens seelisch untragbar belastet und die Gemeinschaft zerstört. Der Wille weiter 
Kreise am Wiederaufbau mitzuwirken, wird vielfach in das Gegenteil gekehrt. Verband katholi¬ 
scher Erzieher des Saarlandes und Arbeitsgemeinschaft für evangelische Unterweisung an Ver¬ 
waltungskommission am 30. 9. 1947. Sammlung des Verbandes katholischer Erzieher des Saar¬ 
landes, Ablage 1946 -1958. 
158 Wehr an Müller vom 18. 9. 1947. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Allgemeine Verwaltung, 
ZII-A 2 g 1945 - 1947. Die Quelle ist im Anhang (Anlage 5) wiedergegeben. Vgl. auch die Aus¬ 
führungen Wehrs zur Entnazifizierungsfrage im Rahmen seines Bonner Vortrags am 27. 1. 53. 
Dort stellte er sie als besondere kirchliche Aufgabe heraus, die ohne Rücksicht auf politische In¬ 
teressen zu erfüllen sei. Nach Aufzeichnung über diesen Vortrag. LA Saarbrücken, Bestand 
Nachlaß Heinrich Schneider Nr. 103 
Pfarrer Fiseni (Illingen) anMüllervom 18.1.1947. LA Saarbrücken, Bestand Verwaltungskom¬ 
mission Nr. 20. 
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