Full text: Bildungspolitik im Saarland

tivierten) Straftatbeständen zum Tragen kam. Damit wechselte die Beweislast vom An¬ 
kläger zum Angeklagten. Die praktische Konsequenz dieses Prinzips war dann der politi¬ 
sche Fragebogen, den sozusagen jeder berufs- oder erwerbstätige Erwachsene ausfüllen 
mußte, wobei in einer tabellarischen Form detaillierte Auskünfte über politisches Ver¬ 
halten, Mitgliedschaften und Amtsfunktionen in der NSDAP und in nationalsozialisti¬ 
schen Organisationen sowie Angaben über Bildungs- und Berufswege gegeben werden 
mußten. Für die Entnazifizierung der Lehrerschaft waren insbesondere vier strafandro- 
hende Kategorien der Direktive Nr. 24 von Bedeutung und zwar: Nr. 2 b, die die aktive 
Mitgliedschaft in der NSDAP vor dem 1. Mai 1937 anprangerte, Nr. 18, die Amtsfunk¬ 
tionen im NS-Lehrerbund nannte, Nr. 94, die von Vertrauensstellungen des Lehrers „ir¬ 
gendwelcher Art“ sprach, und Nr. 97, die alle Personen haftbar machte, welche national¬ 
sozialistische oder faschistische Lehren verbreitet hatten125. Trafen solche Tatbestände 
zu, sollte die sofortige zwangsweise Entfernung aus dem Dienst erfolgen. Ermessensent¬ 
scheidungen waren im Falle nomineller NSDAP-Mitgliedschaft (Eintritt nach dem 1. Mai 
1937) und außergewöhnlicher Beförderung möglich126. Schon die teilweise unpräzisen 
Formulierungen der vorgenannten Kriterien zeigen an, wie schwierig es gerade bei der Ei¬ 
genart und öffentlich-rechtlichen Amtsstellung des Lehrers sein würde, mittels einer sche¬ 
matisch angelegten politisch-juristischen Gesinnungskontrolle ein mögliches persönli¬ 
ches Versagen im Dritten Reich zu ermitteln. Wenn auch die guten Absichten der Säube¬ 
rungsaktion, nämlich die Korrektur unverdienter beruflicher Bevorzugungen bzw. Be¬ 
nachteiligungen aus der Hitlerzeit und schließlich auch die personalpolitische Absiche¬ 
rung des Ziels vom Aufbau einer demokratischen und humanen Staatsordnung nicht ge¬ 
leugnet werden können, so stand doch gerade die Entnazifizierung der Lehrerschaft als 
beamtete Erzieher angesichts besonderer politischer und juristischer Berufszwänge von 
Anfang an in Gefahr, in das Zwielicht von Denunziation und Rachsucht zu geraten. Die 
Suche nach Gerechtigkeit wurde zudem noch durch die in der deutschen Öffentlichkeit 
um sich greifende Neigung erschwert, den Berufsstand der Lehrer kollektiv anzuklagen. 
Die Schatten einer solchermaßen fragwürdigen Entnazifizierung im öffentlichen Bil¬ 
dungssektor, die wegen der durch die Siegermächte zurückgestellten persönlichen Schuld¬ 
frage elementare Gerechtigkeitsempfindungen verletzte und dubiose Ergebnisse provo¬ 
zieren mußte, schwanden in der Phase der Amnestien, Erleichterungen und Einstellungen. 
Sie setzte in der französischen Zone127 und im Saarland erst im Frühsommer 1947 ein, also 
fast ein Jahr später als in der amerikanischen und britischen Zone. Beendet wurde die all¬ 
gemeine Entnazifizierung in den Jahren 1949 und 1950, als alle Bundesländer entspre¬ 
chende Gesetze einleiteten mit dem Ziel, nur noch die Verfehlungen von „Hauptschul¬ 
digen“ und „Belasteten“ zu ahnden128. Im Saarland sind solche Entschlüsse erst mit Be¬ 
ginn des Jahres 1951 wirksam geworden129, allerdings waren hier bereits in den Jahren 
1948 und 1950 durch gesetzliche Regelungen stufenweise durchgreifende Milderungen 
125 Entnommen Journal Officiel, Nr. 28 vom 1.7.1946, S. 228 ff. (deutsche Textfassung). Original- 
abdruck im Amtsblatt des Alliierten Kontrollrates vom 31.3. 1946, S. 98 ff. 
126 Ebenda, S. 238. 
127 Auskunft über die Entnazifizierungspraxis der Franzosen in Württemberg-Hohenzollern gibt die 
Untersuchung von H. D. Henke, Säuberung. 
128 Zur Phaseneinteilung vgl. W. Dirks, Folgen, S. 450 f. Siehe auch R. Fritzsch, S. B 24. 
129 Landtag des Saarlandes, Stenographische Berichte, 95. Sitzung vom 27. 1. 1951 (erste Lesung), 
S. 462 f. 
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