Full text: Bildungspolitik im Saarland

Kollegien, die sowohl infolge des Krieges als auch aufgrund eines seit den zwanziger 
Jahren ständig herrschenden Überangebots an Volksschullehrern eingetreten war, was zu 
empfindlichen Störungen im normalen Wechsel der Lehrergenerationen geführt hatte119. 
Der Hauptgrund für die Misere der Volksschullehrerfrage gründete aber nicht vorrangig 
in Krieg und personalpolitischen Fehlentwicklungen. Sie wurde in erster Linie durch die 
sogenannte Entnazifizierung herbeigeführt. Die Befreiung vom Nationalsozialismus war 
eines der wichtigsten und in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch am hartnäckigsten 
verfolgten Kriegsziele der Alliierten, und es liegt auf der Hand, daß gerade die Erzieher im 
Bereich der öffentlich organisierten Bildung davon betroffen sein mußten. Das galt natür¬ 
lich auch für das Saarland. 
6. Die Entnazifizierung 
6.1 Die Phasen der Entnazifizierung 
Eine wesentliche Voraussetzung für das Veständms der Entnazifizierung, die hier nur mit 
Blick auf die Lehrerschaft im öffentlichen Schulwesen untersucht werden soll, ist die 
Kenntnis ihres phasenmäßigen Ablaufs. In der ersten Zeitspanne wird in allen Besatzungs¬ 
zonen und auch im Saarland eine erste grobe Säuberung durch die Militärbehörden vor¬ 
genommen120. Die zweite Phase setzt um die Jahreswende 1945/46 ein. Jetzt erreichte die 
Entnazifizierung ihren eigentlichen Höhepunkt, weil sie nun generell auf jene harte ame¬ 
rikanische Linie einschwenkte, die General Lucius D. Clay im Jahre 1950 in ihrer Zielset¬ 
zung selbstkritisch mit der Metapher „Karthagofrieden“121 umschrieben hat. Mit Blick 
auf die Entnazifizierung der Lehrerschaft erlangte vor allem die Direktive Nr. 24 des Al¬ 
liierten Kontrollrats vom 12. Januar 1946122 Bedeutung, die sich in der Zielsetzung stark 
an die vom „Geist einer Bestrafungspolitik“123 getragene geheime Generalstabsanwei¬ 
sung JCS 1067 der amerikanischen Regierung vom Mai 1945 an das Oberkommando 
ihrer Streitkräfte in Deutschland anlehnte124. Eingeführt waren damit Grundsätze, die der 
deutschen Rechtsmentalität fremd waren. Dazu gehörte in erster Linie das Prinzip der 
Schuldvermutung, das hier in der kategorisierten Auflistung von möglichen (politisch mo¬ 
119 Vgl. dazu Lageberichte Referat Volksschulen 1946 und 1947. LA Saarbrücken, Bestand KM, 
Abt. Allgemeine Verwaltung, ZII —A — 1. Zu den Ursachen der Überalterung vgl. H. Küppers, 
Kath. Lehrerverband, S. 73. 
120 In Bezug auf die Schule galt hier zunächst nur die Anordnung, daß alle Rektoren und Rekto¬ 
rinnen, die Mitglied der NSDAP gewesen waren, durch Nichtparteimitglieder ersetzt werden 
müßten. Nach Entwurf eines Rundschreibens der Erziehungsabteilung des Regierungspräsi¬ 
diums vom 8. 9. 1945 an die Schulräte des Regierungsbezirks Saar. Ein Hinweis auf eine Anord¬ 
nung der Militärregierung wird hier nicht gegeben. LA Saarbrücken, Bestand KM - Mk 4811. 
121 L. D. Clay, S. 33. 
122 Direktive Nr. 24 über die Entfernung von Nationalsozialisten und Personen, die den Bestre¬ 
bungen der Alliierten feindlich gegenüberstehen, aus Ämtern und verantwortlichen Stellen, Das 
Gesetz Nr. 2 (Auflösung der nationalsozialistischen Organisationen) vom 10. 10. 1945 und das 
Gesetz Nr. 10 (Ahndung von Kriegsverbrechen usw.) vom 25. 12. 1945 sowie die Direktive Nr. 
38 (Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern usw.) vom 12.12.1946 haben für die Ent¬ 
nazifizierung der Lehrer nur mittelbare Bedeutung gehabt. 
123 R. Fritzsch, S. B 24. 
124 JCS 1067, erstmals im Oktober 1945 veröffentlicht, bestimmte bis zum Juli 1947 die Grundzüge 
der amerikanischen Besatzungspolitik in Deutschland. Zur Entstehungsgeschichte mit Quellen¬ 
belegen siehe E. Deuerlein, Einheit, S. 52 f. und S. 335 ff. 
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