Full text: Bildungspolitik im Saarland

mittlere Bildungswesen je geschah, (er) geht selbst hinaus über die Reform unter Hum- 
boldtl2S. Mit ihren engagierten Eingriffen in das deutsche Bildungswesen übertrafen die 
Franzosen sogar die energischen und mit einem starken moralischen Anspruch auftre¬ 
tenden Amerikaner, die zwar, ebenso wie die in Schulfragen vorsichtig agierenden Briten, 
einen bemerkenswerten Reformwillen entwickelten, die konkrete Ausgestaltung der an¬ 
stehenden Neuerungen im Schulbereich aber weitgehend den Deutschen überließen. Die 
Franzosen haben sich gegenüber den weitgreifenden Reformkonzeptionen der angelsäch¬ 
sischen Siegermächte, die vor allem auf gerechtere Bildungschancen für sozial Schwache, 
eine demokratische Durchformung des gesamten Unterrichts auf der Grundlage entspre¬ 
chender Lehrinhalte und Lernbücher sowie auf durchlässige Bildungsstrukturen, dann 
aber auch auf Friedenserziehung, Fremdsprachenunterricht, akademische Volksschulleh¬ 
rerbildung und Teilnahme der Öffentlichkeit an der schulischen Entwicklung angelegt 
waren128 129, stets zurückgehalten. Dafür waren aber ihre Anordnungen zur Neugestaltung 
des öffentlichen Bildungswesens in ihrer Zone umso fühlbarer. 
Die von der französischen Militärregierung verfügten Maßnahmen betrafen neben der 
auch von den anderen Besatzungsmächten betriebenen Entnazifizierung der Lehrerschaft 
bzw. der Reform der Lehrerbildung und einem streng gehandhabten Placet für Lehrpläne 
sowie für Lehrbücher und Unterrichtsmittel, in erster Linie die Bildungs- und Erziehungs¬ 
ziele der Höheren Schulen und der Universitäten sowie das Volksschulwesen in seinem 
Charakter und in seiner Struktur. Im Mittelpunkt der Bestrebungen im Bereich der Volks¬ 
schule stand die Reform der Grundschule, die im engen Zusammenhang mit der Neuge¬ 
staltung des gymnasialen Schulwesens zu sehen ist, und die Einführung eines 9. Schul¬ 
jahres130. 
4.3 Die bildungspolitischen Maßnahmen der französischen Militärregierung 
Ein Kennzeichen der französischen Bildungspolitik war ihr eigennütziger Pragmatismus. 
Über diese Grundhaltung können auch die pädagogischen Begründungen schulischer 
Neuerungen nicht hinwegtäuschen; denn der Hintergrund einer frankophil orientierten 
geistigen Assimilation blieb dabei stets erkennbar. Offen zutage trat dieses Interesse zum 
Beispiel am 1. Oktober 1946, als die französischen Militärbehörden im Rahmen einer ver- 
ordneten Neugestaltung des höheren allgemeinbildenden Schulwesens ausdrücklich eine 
Reduzierung des altsprachlichen Unterrichts zugunsten des naturwissenschaftlich - ma¬ 
thematischen verlangten und dabei eine Stundentafel für verbindlich erklärten, wie sie an¬ 
128 Stohr an Schmittlein vom 4.10.1946. LA Speyer, Bestand H 12, Nr. 270. Erwähnt bei A. Ruge- 
Schatz, Umerziehung, S. 85 unter Hinweis auf einen anderen Archivbestand. Vgl. hierzu auch 
R. Minder, Kultur. 
129 Diese Grundpositionen sind inhaltlich in die schulpolitischen Forderungen der Kontrollratsdi- 
rektive Nr. 54 vom 25. Juni 1947 eingegangen. Abgedruckt in Journal Officiel Nr. 155 vom 16. 
4. 1948, S. 1448 ff. 
130 Auskünfte über die geplante Einführung eines 9. Schuljahres gibt eine Aktennotiz über ein Ge¬ 
spräch zwischen Vertretern der Abteilung Erziehung und Kultus im Oberregierungspräsidium 
Pfalz-Hessen und dem Bischof von Speyer, Josef Wendel. LA. Speyer, Bestand H 12, Nr. 22. Über 
die Grundschulreform eingehend R. Winkeier, S. 102 und A. Ru ge-Sch atz, Umerziehung, 
S. 82. 
50
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.