Full text: Bildungspolitik im Saarland

Vermeil, Siegfried und Morazé haben aufgrund ihrer zeitweiligen Mitwirkung an der Aus¬ 
bildung des Verwaltungspersonals für die französische Besatzungsarmee in Deutschland, 
die nach amerikanischem Beispiel im Laufe des Jahres 1945 in Form von Kurzlehrgängen 
in Fontainebleau, Paris und Straßburg von der im Spätherbst 1944 gegründeten Admini¬ 
stration Militaire Française en Allemagne organisiert worden war, auch einen direkten 
Einfluß auf das Fiandeln und Wollen der französischen Militärregierung gehabt112. Da je¬ 
doch die angesprochenen Vorbereitungskurse in der Regel jeweils nur drei Monate dau¬ 
erten und inhaltlich vor allem auf Fragen deutscher Verwaltungs- und Ordnungspraxis 
ausgerichtet blieben, darf man diese unmittelbare Wirkung nicht überschätzen, zumal die 
Effizienz der Lehrgänge nach selbstkritischer Auskunft direkt Beteiligter als wenig ertrag¬ 
reich gewertet werden muß113. 
Politik und öffentliche Meinung standen in Frankreich nach 1945 eindeutig unter dem hi¬ 
storisch präfixierten Trauma einer „menace perpétuelle du germanisme“114, einer ange¬ 
nommenen ständigen Bedrohung also, die für die fortwährende Sperrhaltung Frankreichs 
verantwortlich war, das Problem Deutschland und Europa unter dem Gesichtspunkt des 
Wandels der politischen Beziehungen vom eurozentrischen zum universalen Prinzip zu 
begreifen. Frankreich ging bis zum Jahre 1947 in seiner Deutschlandstrategie eindeutig 
von einer an überlieferte nationalstaatliche Denktraditionen gebundenen Vorstellung 
einer europäischen Sicherheitsordnung aus. Die daraus im Gegensatz zu den angelsächsi¬ 
schen Siegermächten resultierende starre Haltung Frankreichs in der Behandlung der 
deutschen Frage hatte natürlich ihre entsprechende Rückwirkung auf die französische Bil¬ 
dungspolitik in Deutschland, die zwar nicht als ausschlaggebender, gewiß aber als we¬ 
sentlicher Faktor der Gesamtbesatzungspolitik eingestuft wurde115. Zwar lebten auch in 
Frankreich, vor allem ausgehend von den pazifistisch-sozialistischen und christdemokra¬ 
tisch orientierten Zirkeln der Résistance, Strömungen auf, die eine supranational struk¬ 
turierte europäische Ordnung und Solidarität, zum Teil sogar unter Einschluß Deutsch¬ 
lands befürworteten116, gleichwohl blieb das ideologisch festgelegte Bild einer unaus¬ 
weichlichen Konfrontation zwischen Germanismus und Romanismus im unmittelbaren 
Nachkriegsfrankreich noch dominierend. Die entschiedensten Konsequenzen aus diesem 
Bewußtsein einer deutschen Gefahr zog der patriotisch geprägte Gaullismus, indem er 
zielbewußt die materielle, geistige und moralische Schwächung bzw. Liquidierung der 
preußisch-deutschen Machtbasis betrieb. Wenn dieser politischen Denk- und Willens¬ 
richtung, der im übrigen die oben erwähnten Vermeil und Siegfried nur sympathisierend 
zugeordnet werden dürfen, auch im Januar 1946 mit dem Rückzug de Gaulles von der 
Macht ihre Symbolfigur genommen wurde, wodurch sie natürlich erheblich an Schwung 
verlor, so blieb sie dennoch als ein starkes Element auch in der Zeit der Vierten Republik 
erhalten. Eine ihrer Hochburgen behielt sie im Bereich der französischen Militärregierung 
und -Verwaltung in Deutschland117, die ihren Hauptsitz in Baden-Baden nahm. 
112 Persönliche Mitteilung F. Lussets vom 19. 9. 1979. 
113 Gleiche Quelle wie vor. 
114 Ch. de Gaulle, Discours, S. 393. 
115 Vgl. dazu im einzelnen R. Schmittlein; E. Vermeil, aspects; E. Vermeil, Alliés; E. Ver¬ 
meil, Notes; M. Pernot. Siehe auch H. Mathy, S. 119 f. (Rede Schmittlein) und E. Kon- 
stanzer, S. 217 ff. 
116 G.Ziebura, Beziehungen, S. 24 ff. und W. Lipgens, Anfänge, S. 43 ff. 
117 G. Ziebura, Beziehungen, S. 48. 
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