Full text: Bildungspolitik im Saarland

heben, über das Verlangen, alle kulturpolitischen Schranken zu beseitigen, bis hin zu der 
Erwartung an die Saarländer, alle Ansprüche auf eine saarländische Eigenkultur aufzu¬ 
geben, da Thierfelder gerade hierin die Gefahr einer heimatlich-provinziellen Kulturenge 
sah, die nach seiner Auffassung letztlich zu einer kulturellen Heimatlosigkeit ä la Elsaß- 
Lothringen führen müsse. 
Thierfelder entwickelte aber auch konkrete Vorstellungen für die praktische Bildungsar¬ 
beit, wobei er ebenso wie Kaiser und seine Mitarbeiter seine besondere Aufmerksamkeit 
auf die Saaruniversität lenkte. Obwohl Thierfelder der Ansicht war, daß diese Hochschule 
mit einem Einzugsgebiet von nur einer Million Einwohner kaum lebensfähig sei, bejahte 
er dennoch ihre Existenz aus politischen Gründen. Nach seiner Ansicht gab es für die Zu¬ 
kunft der Saaruniversität nur zwei Möglichkeiten: entweder wird sie zu einer besonderen 
Hochschule für europäische Fragen degradiert, oder sie wird, und hier kalkulierte er, was 
diese Untersuchung bereits bestätigt hat100, ihre Entwicklungsmöglichkeiten durchaus reali¬ 
stisch, eine Landesuniversität in enger Anlehnung an den deutschen Universitätskreis, da die 
französischen Universitäten kein lebendiges Interesse an ihr haben. Wenn sie, so Thier¬ 
felder, nicht selbstbezogen, provinziell und steril werden will, so sei sie auf Dauer gera¬ 
dezu auf den engen akademischen Kontakt mit bundesdeutschen Hochschulen ange¬ 
wiesen. Die Hinwendung zur deutschen Universitätswelt zöge zwangsläufig eine Reform 
der Lehr- und Prüfungsordnungen, die Anerkennung des Deutschen als dominierende Un¬ 
terrichts- und Prüfungssprache und einen festen Grundstock an deutschen Lehrkräften 
nach sich. Im Rahmen dieser Voraussetzungen bejahte er den Charakter der Universität 
als europaoffene Bildungsanstalt. Als notwendig erachtete er auch eine Reform der Uni¬ 
versitätsverfassung, wobei er im Rückgriff auf entsprechende vertrauliche Angebote des 
französischen Außenministers Robert Schuman vom August 1952 der Ernennung des 
Rektors, des Prorektors und des Präsidenten des Verwaltungsrates durch den europäi¬ 
schen Ministerrat und einer paritätischen Zusammensetzung des Verwaltungsrates aus 
Vertretern der deutschen Kultur und der französischen Kultur zustimmte. Bei einem Ver¬ 
gleich der Überlegungen Thierfelders mit den hochschulpolitischen Interessen der saar¬ 
ländischen Regierung ist sicherlich manche Kongruenz zu entdecken, vor allem was die 
Personalpolitik und die Studiengänge angeht. Dennoch sollten diese Gemeinsamkeiten 
nicht dazu verleiten, den Gegensatz im Politischen zu übersehen. Während Thierfelder im 
Grunde mit seinen Vorschlägen längerfristig die Überwindung der saarländischen Eigen¬ 
staatlichkeit im Auge hatte, suchte Saarbrücken den als notwendig erkannten Wandel der 
Universität für die Stabilisierung seiner Existenz als Staat zu nutzen. 
Die französischen Schulen sollten nach Thierfelder in europäische Anstalten umgewan¬ 
delt werden, da im Zuge der Europäisierung des Landes die französischen Beamten durch 
europäische ersetzt würden. Der französische Sprachunterricht in saarländischen Schulen 
sollte nach seiner Auffassung im Interesse gutnachbarlicher Beziehungen seine Vorzugs¬ 
stellung zwar behalten, aber dennoch auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt werden. 
Ansonsten enthalten die Überlegungen Thierfelders, wenn man einmal von seiner gene¬ 
rellen Forderung nach völlig offenen Grenzen des Saarlandes für deutsche Schulbücher 
absieht, keine weiteren Hinweise zum allgemeinbildenden Schulwesen, womit erneut un- 
100 Vgl. oben, S. 218 ff. 
255
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.