Full text: Bildungspolitik im Saarland

seiner Fremdbestimmung und Unfreiheit zu brandmarken63. Doch die Frage der Libera¬ 
lität allein, das muß an dieser Stelle erneut unterstrichen werden, reicht nicht aus, um den 
Weg der Saar nach 1945 zu deuten. Die vielschichtige Problematik der saarländischen 
Nachkriegsgeschichte, die aus Erfahrungen und Motiven wie Drang nach heimatlicher 
Selbstverwirklichung, bodenständigem Christentum, Aversionen gegen den staatlichen 
Zentralismus, Fremdherrschaft, Chauvinismus, Patriotismus, Grenzlage, Emigration 
und Krieg erwuchs, fand sich in den Jahren 1952 bis 1955 in dem Gegensatz von natio¬ 
naler und regionaler Orientierung wieder. Damit standen sich von der reinen Idealvorstel¬ 
lung zwei unüberbrückbare Geschichts-, Gefühls- und Wertwelten gegenüber, die auch 
die europäische Perspektive erfassen mußte. Die Ausgangslage war für die Regionalisten 
und ihre Europaziele anfangs nicht ungünstig. Laut Umfrage des Instituts für Demoskopie 
Allensbach bejahten im Herbst 1952 54 % aller Saarländer eine Europäisierung der 
Saar64. Selbst der entschlossen gegen das Hoffmann-Regime kämpfende Deutsche Saar¬ 
bund bestätigte im Jahre 1955 die bereits oben getroffene Feststellung65, daß es an der 
Saar ... viele ehrlich und aufrechte „Europäer“ gebe66. Warum das Europa der Regiona¬ 
listen an der Saar schließlich doch unterlag, das soll für den Lebensbereich Schule nun¬ 
mehr im einzelnen untersucht werden. 
3. „Europa“ verliert auch in der Schule 
Schon die Geschichte der Saaruniversität hat gezeigt, daß das Europäische als Maßstab 
und Vorstellung einer saarländischen Zukunft nebulös und nicht frei von egoistischen 
Spekulationen war67. Dabei ist auch an dieser Stelle weniger an die Merkwürdigkeit einer 
fanatisch verfochtenen saarländischen Staatlichkeit und ihrer ökonomischen Union mit 
Frankreich als Vorbedingung für ein kommendes Europa oder an die Erschütterung der 
Autorität gedacht, die Europa als vorgesehene Ordnungsmacht ausgerechnet durch den 
Protektor der Saar, nämlich durch Frankreich hinnehmen mußte, indem sich dieses Land 
im August 1954 einem kollektiven westeuropäischen Verteidigungssystem versagte, son¬ 
dern eher an die im Saarland versuchte Ausrichtung des Alltags im Zeichen einer europäi¬ 
schen Perspektive. Daß Europa hier von vornherein im Nachteil sein würde, das läßt 
schon das stark getrübte Verhältnis zwischen Regierung und Lehrerschaft vermuten, dem 
im vorherigen Kapitel in seinen Ursachen nachgegangen worden ist. Schon hier zeigte 
sich, daß der Abstand zwischen pädagogischer Mitbestimmung und bildungspolitischem 
Zwang sich als zu groß erwies, als daß es der Regierung Hoffmann hätte gelingen können, 
eine überzeugende Sinnbestimmung für ein europaoffenes Bildungssystem zu liefern. 
63 So etwa O. Früh in seiner harten Anklage des französischen Sprachunterrichts in den Volks¬ 
schulen des Saarlandes, insbesondere auf S. 284. 
64 Bericht des Instituts für Demoskopie Allensbach über die Stimmung an der Saar vom 30.1.1953, 
S. 14, Bundesarchiv Koblenz, Z Sg. 132/206 II. 
65 Siehe oben, S. 228 f. 
66 Deutscher Saarbund e. V., Informationen und Hinweise II/9 vom 17.2.1955, S. 6. Bundesarchiv 
Koblenz, Z Sg. 1. 
67 Siehe oben, S. 223 ff. In diesem Zusammenhang sei an die Angriffe von Michel Debré und Karl 
Mommer (SPD) gegen einen Weg der Europäisierung der Saar erinnert. Beide Politiker begrün¬ 
deten ihre oppositionelle Haltung aus der Sicht der jeweiligen nationalen Interessenlage mit der 
vagen Begrifflichkeit, die nichts anderes bewirke als Verzichte französischer bzw. deutscher Be¬ 
lange. Vgl. dazu E. Kosthorst, S. 325 f. 
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