Full text: Bildungspolitik im Saarland

weiterhin vornehmlich in Aachen, Karlsruhe und Darmstadt sowie in Clausthal, Mün¬ 
chen und Stuttgart ausgebildet wurde90. 
Auch die erstrebte aber letztlich am Widerstand der evangelischen und katholischen 
Kirche gescheiterte Errichtung einer Theologischen Fakultät kann als Beleg für die beson¬ 
deren lokalen Bindungen der Saaruniversität erwähnt werden. Sowohl Trier bzw. Speyer 
als auch Düsseldorf erblickten in einer solchen Fakultät ein verstärkendes Element für kir¬ 
chenpolitische Separationsziele und lehnten aus diesem Grunde alle Pläne in dieser Rich¬ 
tung ab9!1. 
Die Saaruniversität blieb weit davon entfernt, eine Institution zu sein, in der auch Europa 
zuhause war. Europabegeisterung einzelner reichte nicht aus, um die intern veranlagten 
und strukturell bedingten politisch-geistigen Widerstände und Widersprüche zu über¬ 
winden. Zudem erwies sich das Europa des 19. und 20. Jahrhunderts mit seinen national¬ 
staatlich gewachsenen Trennlinien in Kultur und Wirtschaft insgesamt noch als zu stark, 
um den Weg freizugeben. 
Die guten Absichten für einen europäischen Gang hat es dennoch gegeben, und es sei hier 
ein unverdächtiger Zeuge genannt, der sie bestätigt, gleichzeitig aber auch Europa an¬ 
mahnt. Es ist der Nobelpreisträger Adolf Butenandt, der im Jahre 1954 in einem 
Schreiben an Donzelot die vor Jahren gediehenen Pläne zum Aufbau einer internationalen 
europäischen Universität im Saarland expressis verbis erwähnt und sich gerne an die von 
soviel Idealismus und echtem Wollen getragenen Aussprachen über dieses kühne Projekt 
erinnert. Was ich, so Butenandt im selben Brief an anderer Stelle im Rückgriff auf einen 
Besuch an der Saar im Jahre 1954, in Saarbrücken und Homburg sehen konnte, hat mich 
stark beeindruckt, und ich glaube, daß die Universität eine große Aufgabe erfüllen kann, 
wenn man den ursprünglichen Gedanken weiter nachgeht, nicht nur alle Lehrstellen pa¬ 
ritätisch (gemeint im saarländisch-französischem Sinne) zu besetzen, sondern auch für 
einen internationalen Austausch von Gelehrten und Gastprofessoren zu sorgen91 92. 
Das von Butenandt anerkannte hohe Anspruchsniveau einer Universität, die als akademi¬ 
sche Bildungsinstitution das Dasein des saarländischen Staates und seiner Gesellschaft 
bildungsökonomisch abzusichern half, und die trotz ihrer Ausrichtung auf die saarlän¬ 
disch-französische Zusammenarbeit die verfassungsmäßige Verankerung der kulturellen 
Autonomie nicht ausgehöhlt hat, konnte in diesem Kapitel bestätigt werden, den von ihm 
erhofften Weg zu einer internationalen Hochschule jedoch nicht. Gleichwohl wäre es ver¬ 
fehlt, den europäischen Idealismus nur eine Donquichotterie nennen zu wollen. Dies kann 
man schon deswegen nicht tun, weil das Projekt einer weltoffenen Saaruniversität wegen 
der zunehmend spürbar werdenden national motivierten Rivalität zwischen der Bundes¬ 
republik und Frankreich um die Saar die Möglichkeiten persönlicher Gestaltung immer 
weiter einschränkte. Die europäische Idee und der an der Saar mit ihr verbundene Drang 
90 Im Jahre 1954 studierten rund 300 Saarländer in der Bundesrepublik mit dem Ziel, Diplominge¬ 
nieur zu werden. Nach Saarländische Volkszeitung vom 15. 10. 1954. 
91 Interview E. Straus vom 23.11. 1976. Vgl. auch Aufzeichnungen Vortrag Wehr vom 28. 1.1953 
in Bonn. Danach ist Wehr nach eigenem Bekunden allen Versuchen, die Organisation der evan¬ 
gelischen Kirche im Saarland von derjenigen des Rheinlandes zu trennen und eine evangelisch¬ 
theologische Fakultät an der Universität Saarbrücken einzurichten, entschieden entgegenge¬ 
treten. LA Saarland, Bestand Nachlaß Heinrich Schneider Nr. 103. 
92 Butenandt an Donzelot vom 30. 6. 1954. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Hochschulen, V/ 
UIS - A 1 —. Es handelt sich um eine Abschrift. Wiedergegeben im Quellenanhang (Anlage 17). 
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