Full text: Bildungspolitik im Saarland

D. 
Die Universität des Saarlandes im Spannungsfeld zwischen lokalen 
Interessen und europäischer Perspektive 
Am 16. Dezember 1950 hielt der Hochschulreferent im Kultusministerium, Dr. Hans 
Groh, im Saarländischen Rundfunk eine etwa halbstündige Rede, in der er sich ausführ¬ 
lich mit den Notwendigkeiten und Zielen der neuen Universität des Saarlandes auseinan¬ 
dersetzte. Dabei betonte er nicht nur die Unentbehrlichkeit eines geistigen Zentrums in 
unserem Industrielande, sondern auch die erstrebte und erwünschte Stabilisierung saar¬ 
ländischer Staatlichkeit durch diese Institution. Wenn man, so Groh, unsere Eigenstaat¬ 
lichkeit bejaht und man anerkennt, daß Bildung Pflicht ist..., dann muß das auch in den 
Bildungseinrichtungen des Saarlandes zum Ausdruck kommen ... Die 22 Höheren 
Schulen des Saarlandes beweisen einen Drang des Saarvolkes nach höherer Bildung, der 
nicht mit der Reifeprüfung abgestoppt werden sollte. Die Universität als Krönung des ge¬ 
samten Bildungswesens wird damit, wenn sie finanziell tragbar ist, zur unabdingbaren 
ForderungL Die neue Hochschule solle dennoch, so Groh weiter, keine Landesuniversität 
werden. Wir wollen den Landesrahmen auf dem Gebiet des Bildungswesens bewußt 
sprengen im Sinne eines föderativen Europas2. Diese Bekundung verband Groh mit der 
Notwendigkeit einer gezielten Begabtenförderung der Arbeiter- und Bauernjugend; denn 
Europa kann es sich nicht leisten, in seinem gegenwärtigen Kampf um Sein oder Nichtsein 
tausende junger Intelligenzen brach liegen zu lassen, nur weil die Finanzierung eines 
Hochschulstudiums für breite Arbeiter- und Bauernschichten unmöglich ist3. 
Das hier von Groh beschworene Ziel einer wahren Volksuniversität4 war mit ähnlichen 
ideellen Begründungen auch in den Regierungsparteien von CVP und SPS populär. 
Gleichwohl wurden Grohs reformpolitische Ankündigungen nicht nur von dem Wunsch 
nach saarländischer oder europäischer Selbstverwirklichung diktiert, sondern auch und 
vielleicht sogar vorrangig von der Erkenntnis, daß eine Universität an der Saar nur dann 
lebensfähig sein konnte, wenn es durch bildungspolitische Fördermaßnahmen gelang, das 
Handikap einer im Saarland relativ schwach ausgebildeten bürgerlichen Schicht zu über¬ 
winden, die die Kosten und Anforderungen eines akademischen Studiums um ihrer so¬ 
zialen Vorzugsstellung willen nicht scheute. Wenn Groh darum in seiner Rundfunkrede 
mit den ungewöhnlich niedrigen Studienkosten der Saaruniversität warb5 und diesen Vor- 
! Zitiert nach dem Manuskript des Beitrages, S. 3. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Hoch¬ 
schulen, V/V 1 - UIS -1 e 
2 Ebenda, S. 5. 
3 Ebenda, S. 5. 
4 So die Saarbrücker Zeitung vom 19. 10. 1955 in einem propagandistisch aufgemachten Artikel 
über die Saaruniversität. 
5 Die Studiengebühren der Universität des Saarlandes beliefen sich im Studienjahr 1950/51 auf 
rund 2 000 ffrs (= 24,50 DM) jährlich, ln der Bundesrepublik betrugen sie zum gleichen Zeit¬ 
punkt etwa 360,00 DM. Das Wohnen in den drei Studentenheimen {1955 = 536 Betten) und die 
Verpflegung in der Mensa kosteten insgesamt nur rund 5 500 ffrs (= 67,50 DM) monatlich. In 
diesem Zusammenhang sei auch die Großzügigkeit der saarländischen Regierung bei der Ver¬ 
gabe von Stipendien erwähnt. Sie erteilte z. B. im Studienjahr 1949/1950 384 Stipendien in Höhe 
von insgesamt 159 100 000 ffrs (= 190 920 DM). Vergeben wurden sie an 67 Studierende in 
Deutschland, 109 an Studierende in Frankreich und 108 an Studierende im Saarland. Nach Saar¬ 
ländische Volkszeitung vom 5. 1. 1951. 
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