Full text: Bildungspolitik im Saarland

bringen10. Wenngleich Adenauer hier in Übereinstimmung mit dem nationalen Stand¬ 
punkt die politische Entscheidungsfreiheit der saarländischen Bevölkerung verlangt, so 
wird doch auch in diesem Falle deutlich, daß für ihn die saarländische Politik ein macht¬ 
politisches Faktum war, das durchaus ein Eigengewicht besaß und keineswegs nur als ein 
Spielball der Interessen Frankreichs gesehen werden durfte. Natürlich hat Adenauer die 
saarländische Politik unter Hoffmann niemals gutgeheißen. Da er aber, und dies über¬ 
rascht bei seinem pragmatischen Naturell nicht, in der nationalstaatlichen Existenz einen 
überholten Wert sah, erspürte er schon bald die Ursprünge, Motive und Ziele einer re¬ 
gional orientierten Politik, die sich als Antwort auf das nationalstaatliche Zeitalter und 
seine chauvinistischen Auswüchse verstand. So erklärte Adenauer im Bundesvorstand 
seiner Partei am 26. April 1954 im Zusammenhang mit Beratungen über das vermeint¬ 
liche Junktim von Saarfrage und Ratifizierung des Vertrages über die Europäische Vertei¬ 
digungsgemeinschaft (EVG) durch die französische Nationalversammlung: 
Was heißt denn Staat und Volk? Tatsächlich leben wir —nackt heraus gesagt-in unserer 
Freiheit nur deswegen, weil die Amerikaner ein paar tausend Atombomben haben, und 
die Russen haben weniger! Das ist unsere ganze Souveränität. Wenn ich die Worte höre, 
wie ’national’ und ’Nationalstaat’ und alle diese Sachen, so kommt mir das vor wie ein 
Anachronismus. Sehen Sie bitte in die Zukunft! Seien Sie auch realistisch! Wenn wir nicht 
mittun, erreichen wir für die Saar nicht sovieldann wird die Saar wirtschaftlich und 
personell und in jeder Beziehung vollkommen von Deutschland abgeschnitten20 21. 
Für seine Kritiker innerhalb seiner eigenen Partei stand dagegen fest, daß der „wahre“ 
Wille der saarländischen Bevölkerung solange verschüttet blieb, solange er sich nicht voll 
in der nationalen Sonne Deutschlands auffalten konnte. Es liegt auf der Hand, daß dieser 
Standpunkt, der im übrigen angesichts der Teilung Deutschlands und des sich in Mittel¬ 
deutschland etablierenden kommunistischen Systems zusätzlich sensibilisiert wurde, 
auch und gerade für das deutsch geprägte Kulturleben an der Saar die Gefahr einer ge¬ 
wollten Entfremdung sah. Beispielhaft dafür ist der Kommentar der Wochenzeitung „Die 
Zeit“ vom 7. 7.1955 anläßlich des Weggangs Grandvals aus Saarbrücken. Dort heißt es: 
Die ’Eigenkultur der Saar’ ist eine alte Erfindung Grandvals und seiner Freunde; sie ist 
so alt wie die bereits 1947 gewonnene Erkenntnis, daß die Saardeutschen sich nicht zu 
dem Glück zwingen ließen, ’zu den Quellen französischen Geistes zugelassen zu werden, 
Wollten Sie nicht Franzosen werden — und dafür gab es schon wenige Monate nach 
jener Eröffnung der Quellen französischen Geistes sichere Anzeichen —, so mußte später 
20 Deutscher Bundestag, Verhandlungen (stenographische Protokolle) Bd. 13 (10. 9. 52 —27.'11. 
52) S. 10 924. 
21 Stenographische Niederschrift über die Sitzung des CDU-Bundesvorstandes am 26. 4. 1954, S. 
123. Archiv des Konrad-Adenauer-Hauses, Bonn. 
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