Full text: Bildungspolitik im Saarland

litärregierung gewonnene bildungspolitische Eigenständigkeit seine Auseinanderset¬ 
zungen mit dem sozialistischen Erziehungsminister Frankreichs, Marcel-Edmond Nae- 
gelen, aus dem Jahre 1946 an. Der, so Straus, ging dann zu Grandval und schlug bei ihm 
Krach wegen unserer angeblichen klerikalen Bildungspolitik. Grandval hat das zurückge¬ 
wiesen und ausdrücklich betont, daß sei eine rein saarländische Angelegenheit1™. Aus den 
Quellen kann die einflußreiche Stellung von Straus in Schulfragen, in der zugleich erneut 
das Taktieren der Militärregierung deutlich wird, im Interesse ihrer Separationsabsichten 
den Saarländern bildungspolitischen Freiraum zu überlassen, ebenfalls nachgewiesen 
werden. Als das Mitglied des Verwaltungsrates des im März 1947 gegründeten Hom- 
burger Hochschulinstituts, Dr. Schindler, in der Sitzung vom 4. Dezember 1947 die semi¬ 
naristische Volksschullehrerausbildung hart kritisierte230 231 233, richtete Straus einen gehar¬ 
nischten Protestbrief an Grandval, in dem er u. a. folgendes zum Ausdruck brachte: 
Bei der Gründung dieser Institute (gemeint sind die Lehrerseminare) lag eine wohlfun¬ 
dierte weltanschauliche Einstellung, sowie eine manifeste politische Notwendigkeit vor. 
Hierfür habe ich mit meinen Mitarbeitern seit 2 Jahren allein die Verantwortung ge¬ 
tragen... Es kommt einer Beleidigung gleich, wenn man sie unter Bezugnahme auf die frü¬ 
heren Lehrerseminare mit Kasernen vergleicht und dem darin erteilten Unterricht den 
wissenschaftlichen Charakter abstreitet,... Ich kann es daher nicht ohne Widerspruch zu¬ 
lasse, daß eine staatliche Institution durch Persönlichkeiten kritisiert wird, von denen 
nicht eine einzige ein Lehrerseminar besucht hat2n. 
Daß Straus in der Regelung von bildungspolitisch relevanten Angelegenheiten relativ ei¬ 
genständig agieren konnte, unterstreicht letztlich auch der Versuch Babins, der in seiner 
Eigenschaft als Leiter der Kultusabteilung der Militärregierung an der besagten Sitzung 
des Homburger Verwaltungsrates vom 4. Dezember 1947 teilnahm, die Diskussion der 
Lehrerbildungsfrage in diesem Gremium zu unterlaufen, indem er mahnend betonte: 
Herr Straus wünscht, daß die gegenwärtige Form (der Lehrerbildung) beibehalten 
wird231. Diese Stellungnahme Babins offenbart freilich auch, daß Straus ungeachtet seiner 
strengen Orientierung an katholische Erziehungsgrundsätze, die eine akademisch ausge¬ 
richtete Volksschullehrerbildung keineswegs ausschlossen, in Bildungsfragen letztlich 
von einem persönlichen Standpunkt ausging. Dies zeigte sich am klarsten in der Frage des 
französischen Sprachunterrichts. Diese Maßnahme, die im folgenden vornehmlich mit 
Blick auf ihre Durchführung als neues Hauptfach der Volksschule gesehen wird, wurde 
schon für das Schuljahr 1946/47 anberaumt. 
230 Interview E. Straus vom 23. 11. 1976. 
231 Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates des Homburger Instituts vom 4. 12. 
1947. Übersetzung der Stelle, die die Lehrerseminare betraf. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. 
Hochschulen, UIS - VR — Verwaltungsrat 1948/49. 
232 Straus hatte selbst von 1912 bis 1916 die Präparandie und anschließend bis 1918 das Lehrerse¬ 
minar in Würzburg besucht. Interview E. Straus vom 23. 11. 1976. Der Quellentext stammt aus 
einem handschriftlich von Straus korrigierten Schreiben an Grandval vom 19.1.1948. LA Saar¬ 
brücken, Bestand KM, Abt. Hochschulen, UIS - VR - Verwaltungsrat 1948/49. 
233 Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates des Homburger Instituts vom 4.12. 
1947. Wörtliche Übersetzung der Stelle, die die Ausbildung der Lehrer betraf. LA Saarbrücken, 
Bestand KM, Abt. Hochschulen, UIS - VR - Verwaltungsrat 1948/49. 
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