Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

mutigen Aktion freilich auch durch die realpolitische Einsicht, wie sehr die Revoka¬ 
tion des Edikts von Nantes den wirtschaftlichen Interessen, der schon von Macchia- 
velli und zumal von Richelieu als ein „Hauptmittel der Staatskunst“ gewerteten „re¬ 
putado“ sowie den konkreten Interessen Frankreichs im Rahmen des europäischen 
Systems geschadet habe55. 
Das ist eine gewiß erstaunliche Vielfalt von Interessengebieten und Leistungen, die 
aber keineswegs unverbunden nebeneinanderstehen und somit additiv abgehandelt 
werden können, die nicht als Resultat etwa einer überallhin ausgreifenden, permanent 
wechselnden Wißbegier, einer modischen Trends folgenden literarischen Eitelkeit 
anzusehen sind oder gar, wie der von ihm einer Sammlung seiner Schriften gegebene 
Titel Oisivetés vermuten lassen könnte, als beiläufiges Produkt entsprechend der Sen¬ 
tenz „otium cum dignitate“ mit literarischen Aktivitäten ausgefüllter Zeiten der 
Muße, „procul negotiis“. Vielmehr hat sich Vauban mit allen diesen Fragen beschäf¬ 
tigt und dabei die Grenzen des im engeren Sinne militärischen Bereichs überschritten, 
weil ihm ein rechtes Verständnis militärischer Fragen ohne die Kenntnis politischer 
und ökonomischer Fakten und Zusammenhänge nicht möglich schien. 
Evident ist zunächst, warum er als Festungsbaumeister, die Grenzen von Taktik und 
Militärstrategie transzendierend, auch außenpolitische Fragen in seine Überlegungen 
einbezogen hat. Dasselbe gilt für sein Interesse an verkehrspolitischen, bevölkerungs¬ 
politischen, statistischen und ökonomischen Problemen. Denn um die für die dauer¬ 
hafte Versorgung einer Festung in Krieg und Frieden erforderlichen Maßnahmen tref¬ 
fen zu können, mußte er eine umfassende statistische Landesaufnahme erstellen, 
zumal sich eingehend über die landwirtschaftliche und gewerbliche Struktur und 
Produktion des Umlandes, den Bevölkerungsaufbau und die Leistungsfähigkeit der 
Verkehrswege informieren. Verständnis für technische und ökonomische Fragen war 
für ihn ferner unerläßlich, um auszuschließen, daß er in Verhandlungen mit den beim 
Festungsbau eingesetzten Bauunternehmern über Baumaterial, Bauausführung, Fristen 
und Kosten sowie bei der Abnahme dieser Auftragsarbeiten betrogen wurde, was vie¬ 
len seiner Kollegen nicht selten widerfahren ist56. Mit sozialen Fragen befaßte er sich, 
weil die populationistische Theorie, sein Verständnis konkreter staatlicher Interessen 
und sein soziales Mitgefühl — geweckt durch die Kenntnis der Notlage der Soldaten 
sowie der im Festungsbau eingesetzten aus den unteren Volksschichten rekrutierten 
Arbeitskräfte — es ihm dringend geboten erscheinen ließen, den Widerspruch aufzu¬ 
heben, daß der menu peuple unter den widrigsten Umständen existieren müsse, 
obwohl er doch am wertvollsten für den Staat sei, wie er meinte, par son nombre et 
par les Services in der Volkswirtschaft und in den Streitkräften57. Vauban hat sich also 
ss Memoire pour le rappel des huguenots von 1689, gedr. in: Vauban I, S. 465—477. Diese 
Denkschrift zeigt, daß Vauban in einer von konfessionellen Leidenschaften erregten Umwelt 
unbeirrt den Grundsätzen treu geblieben ist, deren Beachtung Menschlichkeit wie politische 
Vernunft ihm geboten erscheinen ließen. — Zur „reputatio“ s. Friedrich Meinecke, Die Idee 
der Staatsräson in der neueren Geschichte, hg. und eingel. von W. Hofer, München 1957, 
S. 203 f. 
56 Dazu Vauban I, S. 231, II, S. 6, 175, 224, 262, 393. 
57 Vauban, Dime Royale, S. 17. Zur Bedeutung der „populationistischen“ Theorie für Vaubans 
Verständnis staatlicher und sozialer Fragen s. Fritz Karl Mann. Der Marschall Vauban und 
die Volkswirtschaftslehre des Absolutismus, München/Leipzig 1914, S. 111—120. 
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