Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

türkischen Belagerer Candias in den Jahren 1667—69 entwickelten, „methodischen 
Angriff“ gegen feste Plätze, ein auf der Anlage von „Parallelen“ für den Sappenangriff 
und einem detaillierten Feuerplan für den umfassend angelegten Artillerieangriff ba¬ 
sierendes Angriffverfahren, praktiziert von Vauban erstmals vor Maastricht 1673, als 
es ihm gelang, bei nur 10 % der von Experten zuvor kalkulierten Verluste, den Feind 
schon nach 13 Tagen zur Übergabe zu zwingen35, zumal mit der nach diesem Verfah¬ 
ren geforderten optimalen Nutzung aller technischen Mittel und maschinenähnlichen 
Präzision in der Ausführung zuvor fixierter Pläne wollte er bewirken, daß künftig Blut 
gespart und doch in kürzestmöglicher Frist der angestrebte Erfolg erreicht werde, 
nach dem Urteil von Allent une méthode à la fois plus sûre, plus rapide, moins san¬ 
glante36 als die oft handstreichartig geführten, hohe Verluste nicht scheuenden „ge¬ 
waltsamen“, von Vauban als brutalité qualifizierten Angriffsaktionen seines großen 
Konkurrenten in Theorie und Praxis des Festungskrieges Cohoern37. Kritikern seiner 
angeblichen lenteurs méthodiques de l’attaque erwiderte er: Brûlons de la poudre et 
versons moins de sang36. 
Ferner kann Vauban als „ingénieur de France“ gelten, weil er die militärische 
Apparatur und auch den Krieg selbst rationalisieren bzw. ökonomisieren wollte. Der 
Krieg, ursprünglich eine in ihren Äußerungen brutaler Gewalt unberechenbare Geißel 
der Menschheit, sollte der raison und dem calcul unterworfen, gezähmt und zu einer 
von „Génie“ gelenkten, Gewalt, so weit möglich, durch industrie ersetzenden, im 
Blick auf das angestrebte Ziel jeweils dosierten Nutzung militärischer Kraft werden39, 
eine Kraft somit im Dienste der Politik als der die Aktivitäten in allen Lebensbereichen 
regulierenden und koordinierenden Kunst der Vertretung des Allgemeininteresses. Wie 
später Clausewitz hat Vauban im Krieg ein Instrument der Politik gesehen und sich 
demgemäß in seinen militärischen Denkschriften bemüht, die jeweils thematisierten 
fachlichen Fragen im Blick auf das politische Interesse zu beantworten40. 
Auch eine Analyse von Geschichte und Wirklichkeit des Krieges schien Vauban die 
Berechtigung seiner primär ethisch motivierten Forderung der Rationalisierung der 
Kriegskunst, d. h. der Transformation dieser art terrible von einer auf ein Maximum 
gerichteten Eruption blinder, brutaler Gewalt zu einer von Vernunft gelenkten, über- 
faire; et vous savez combien il est admirable dans le soin continuel qu'il en prend (Madame 
de Sévigné, Correspondance, publ. par Roger Duchéne, Bibi. Pléiade, Paris 1957, III, 
S. 222). 
35 Bei der Entwicklung seines „methodischen Angriffs“ nutzte Vauban auch die Erfahrungsbe¬ 
richte über die für die Geschichte des Festungskrieges so bedeutsame Belagerung Candias 
durch die Türken in den Jahren 1667—69 (Hierzu Vauban II, S. 94, sowie Müller, S. 23 f.). 
Zur Belagerung von Maastricht s. Vauban I, S. 27, II, S. 87, 94 sowie Müller, S. 29, und 
vom Vf., Vauban, in: Wehrwissenschaftliche Rundschau, 1958, S. 252 f. 
36 Die von Allent in seiner „Histoire du Corps du Génie“ (Paris 1805) gegebene vergleichende 
Würdigung der Angriffsverfahren von Vauban und Cohoern, demonstriert von beiden bei den 
Belagerungen von Namur 1692 bzw. 1695, gedruckt in ihren wesentlichen Passagen in: 
Vauban II, S. 342 und Müller, S. 16. 
37 dazu Vauban II, S. 243, 561 und Müller, S. 16. 
38 Vauban II, S. 396 und I, S. 238, 243. 
39 Vauban I, S. 267 f., 244, II, S. 396, 399. 
40 An diese Methode hielt sich Vauban in allen seinen Denkschriften. Auch wenn er nach Mitteln 
und Wegen suchte, um etwa die Schweinezucht oder die Forstwirtschaft in seinem Sinne zu 
„perfektionieren“ bzw. zu „ökonomisiseren“, war sein Maßstab das Interesse von Staat und 
Gesellschaft (vgl. Vauban I, S. 395, 402 f., 408 f.). 
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