Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

doch kein Immediatrecht hatte, wiederholt unaufgefordert mit Vorschlägen und For¬ 
derungen an ihn wandte, und erbat sogar seinerseits nicht selten, über den Kopf der 
zuständigen Minister hinweg, Vaubans Meinung und Rat13. Für das hohe Ansehen 
Vaubans spricht auch, daß er Männern wie Boileau, Racine, La Bruyère, Catinat und 
Fontenelle als ministrabel galt und daß man demgemäß wiederholt mit seiner Beru¬ 
fung in den Conseil d’Etat gerechnet hat14. 
Schon Vaubans Zeitgenossen sahen in ihm also keineswegs einen auf detaillierte 
Anweisungen von Vorgesetzten verpflichteten, nur für die Technik des Festungsbaus 
kompetenten subalternen Experten. Vielmehr wußten sie, daß er beim Ausbau der 
Verteidigungsanlagen weitgehend frei disponieren und sich als ein dem König und 
Louvois durchaus gleichwertiger und de facto auch gleichgestellter Partner bewähren 
konnte, ausgehend dabei zudem von eigenen Vorstellungen über die strategische Lage 
und die politischen Interessen seines Landes, bezeichnet von ihm mit den Formeln pré 
carré, notre manteau, ceinture du Royaume und bornes naturelles15. Zu Recht hat 
General Weygand ihn, noch vor dem König und Louvois, den Konstrukteur einer 
„barrière solide“ genannt, einer „frontière de fer“ (Zeller), die nicht nur Frankreichs 
Sicherheit für viele Jahrzehnte garantiert, sondern darüber hinaus — das ihre noch 
gewichtigere politische Bedeutung — den inneren Zusammenhalt von Staat und Na¬ 
tion gefestigt und so „définitivement“ begründet habe ,,1’unité de la France16“. 
Vaubans Amtsbezeichnung vermittelt also eine nur unzureichende Vorstellung von 
dem, was er als seinen Aufgabenbereich angesehen und für die Entwicklung der 
Wehrkraft und des ökonomischen Potentials sowie für Frankreichs Stellung im System 
der großen Mächte geleistet hat. Ferner vermittelt sie eine nur unzureichende Vorstel¬ 
lung davon, wie seine Persönlichkeit und seine Leistungen zu seinen Lebzeiten gesehen 
und gewertet wurden. 
Bereits nach dem Holländischen Krieg nannte man ihn le grand ingénieur oder 
ingénieur de France, in Analogie zweifelsohne zu dem Titel „maréchal de France“, der 
ihm nach der Meinung von Boileau, Racine und Catinat als l’homme le plus illustré 
par son mérite schon beim Marschallschub von 1693 hätte zuerkannt werden müs¬ 
sen17. Dazu ist es aber erst zehn Jahre später gekommen, und auch dann erst nach 
Überwindung starker Widerstände von seiten hoher Offiziere der traditionellen Waf¬ 
fengattungen, begründet vornehmlich in der Mißachtung Vaubans als Repräsentant 
der als humbles auxiliaires eingestuften technischen Truppen, die auch deshalb wenig 
respektiert waren, weil ihr Offizierkorps einen relativ hohen Anteil an Männern bür¬ 
13 Zum hohen Ansehen Vaubans bei Ludwig XIV. Voltaire, der berichtet, Vauban habe 1677 
vor Valenciennes seine Forderung, bei Tage und nicht bei Nacht anzugreifen, gegen das ge¬ 
meinsame Votum von Louvois und fünf Marschällen beim König durchsetzen können (Œuv¬ 
res historiques, S. 739 f.). 
14 Rebelliau, S. 163. Dagegen sprach1 Touvois Vauban die Befähigung zur Beurteilung politi¬ 
scher Fragen rundweg ab (Vauban II, S. 224). 
15 Hierzu Vauban II, S. 89, 98, 376, 550, I, S. 220, 492, 504, 508 ff. sowie Vauban, Lettres 
intimes adressées au Marquis de Puyzieulx, publ. par Hyrvoix de Landosle, Paris 1924, 
S. 97. 
16 Général Weygand, Histoire de l’armée française, Paris 1938, S. 156; vgl. Gaston Zeller, 
L’organisation défensive des frontières du Nord et de l’Est au XVII siècle, Paris 1928, S. 107, 
sowie Rebelliau, der Vaubans Werk ein „œuvre d’unité française“ und ihn selbst einen der 
„constructeurs de la France moderne“ nennt (S. 71, 444). 
17 Vauban II, S. 503; vgl. Rebelliau, S. 151. 
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