Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

der wichtigsten Weserübergänge, unterhielt bis nach Antwerpen reichende Handelsbe¬ 
ziehungen und erreichte im 16. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt seiner Geschich¬ 
te, heute noch sichtbar im reichen Bestand der Altstadt an Bürgerbauten der Weserre¬ 
naissance. Der Dreißigjährige Krieg brachte die Besatzung durch Tilly; erst nach dem 
Krieg erfolgte der Ausbau zur welfischen Landesfestung. Der Rat weigerte sich, Ko¬ 
sten für die neue Fortifikation zu übernehmen; er sei lediglich für den alten Wall, 
Mauern und Graben zuständig. Offizierskorps und Mannschaften, teils in Privatquar¬ 
tieren, teils in Baracken untergebracht, bildeten eine Garnisonsgemeinde, ab 1713 mit 
eigener Garnisonskirche. Neben den städtischen Organen stand seit Tillys Zeiten der 
Stadtkommandant. Die Bürgerschaft erlitt durch den mächtigen Befestigungsgürtel, 
der lange jedes Wachstum unmöglich machte, ernste Einbußen an nutzbarem Gelän¬ 
de. 1670 beschwerte sich der Rat über das in Aussicht genommene Soden- oder Plag¬ 
genstechen auf den Wiesen und Weiden, das wegen Schädigung der Viehzucht den 
Lebensunterhalt bedrohe. „Käme es dazu, so bliebe nichts übrig als daß wir das 
mühselige Leben mit Ach und Weh und himmelschreienden Tränen und Seufzen auf¬ 
geben und das Elend durch Betteln, welches bitterer als der Tod, bauen (-abwenden) 
müssen.“ Hameln, das den Weserübergang sperrte und die Straße sicherte, die von 
Westen her über Paderborn unmittelbar auf die Residenz Hannover führte, galt als 
der Schlüssel zum Hannoverlande, aber 1757 nach der Schlacht bei Hastenbeck kapi¬ 
tulierte es kampflos. Die Bürgerschaft hatte eine achtmonatige französische Besatzung 
hinzunehmen; auch das weitere Kriegsgeschehen berührte Hameln. Allerdings hieß es 
auch „die Stadt stehet bei Auswärtigen im Geschrei, daß sie dabei außerordentlich 
reich geworden“. Das galt aber nur für wenige. Gute Verdienstmöglichkeiten bot der 
weitere Ausbau der Festung, der einen empfindlichen Arbeitskräftemangel verursachte 
und die Löhne hochtrieb. Auch die Heereslieferungen erhöhten Umsatz und Gewinn. 
Aber die Verwüstungen in der Feldmark waren beträchtlich, und die Stadtgemeinde 
wurde durch die Ruinierung ihrer Forsten schwer getroffen. Die größte Einbuße an 
Wald brachte die Einbeziehung des die Stadt und das Tal beherrschenden Klütberges 
in das Festungssystem auf Anregung des hannoverschen Generalfeldzeugmeisters Graf 
Wilhelm von Schaumburg-Lippe. Der Klüt trug in Stufen angeordnet drei Forts, zwei 
davon mit tiefen Brunnen. Da ein Hamelner Bataillon 1779/82 an der Verteidigung 
Gibraltars gegen Spanier und Franzosen teilnahm, nannte man Hameln selbst „Gi¬ 
braltar des Nordens“. Dessenungeachtet hat die Festung 1806 kampflos kapituliert; 
1808 ordnete Napoleon ihre Schleifung an. 
Von den rheinländischen Festungen des Reiches bzw. der Reichsstände Breisach, 
Freiburg, Kehl, Philippsburg, Mannheim, Mainz, Rheinfels, Ehrenbreitstein, Luxem¬ 
burg, Jülich, Düsseldorf, Wesel möchte ich Mannheim, Mainz, Jülich und Düsseldorf 
betrachten und mit dem französischen rheinischen Stützpunkt Bonn meine Beispielse¬ 
rie abschließen. 
Die Gründungsgeschichte der pfälzischen Landesfestung Mannheim hat Volker 
Press34 gestützt auf Archivalien des Hausarchivs Solms-Braunfels neu geschrieben. 
Hier lag die Initiative nicht beim schwachen und kranken Kurfürsten Friedrich IV. 
(gest. 1610), sondern bei dem Oberrat, in dem die wetterauischen Grafen Johann 
34 Volker Press, Graf Otto von Solms-Hungen und die Gründung der Stadt Mannheim, in: 
Mannheimer Hefte, 1975, Heft 1, S. 9—23. 
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