Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

tischen Requisit. Sie hatten eine defensive örtliche Funktion. Die neuen Festungsstädte 
haben meistens eine überörtliche, strategische Bedeutung. Sie sind ein außenpolitischer 
Faktor, der in einer Kriegführung eingesetzt wird, die sehr bewußt der Politik dient. 
Sie sollen abschreckend wirken, sie werden Verhandlungsgegenstand beim Friedens¬ 
schluß. Ihre Standortwahl entspringt den Intentionen des Staates, der seine Haupt¬ 
stadt, wichtige Stellungen im Lande, seine Grenzen schützen will, der für offensive 
Kriege Festungen braucht, die eine weitreichende militärische Wirksamkeit gestatten 
und zur Einnahme ganzer Landesteile dienen sollen; sie bergen die Zeughäuser, gestat¬ 
ten eine Erholung angeschlagener Kampfeinheiten, sie können erhebliche militärische 
gegnerische Kräfte binden, man möchte ihnen sogar kriegsentscheidende Bedeutung 
beimessen und investiert enorme Summen dafür. Sie können auch politische Abhän¬ 
gigkeiten nach sich ziehen, wenn der Landesherr sich zum Abschluß von Verteidi¬ 
gungsbündnissen seiner eigenen Schwäche wegen gezwungen sieht19, ja sie können 
einem Kleinstaat vom benachbarten verbündeten Großstaat — Kurköln-Frankreich 
— aufgezwungen werden. 
Sie bilden ein System. Frankreich verfügte über alle Voraussetzungen, um ein 
Festungssystem besonders an seiner Ostgrenze, der am wenigsten durch Meer oder 
Gebirge geschützten Staatsgrenze, aufzubauen, das in der strategischen Anordnung 
wie in der fortifikatorischen Anlage der Festungen beispielhaft war20. Ich möchte an 
dieser Stelle besonders auf die Ausführungen H. W. Herrmanns21 im Ausstellungs¬ 
katalog verweisen, die sowohl auf eine vollständige Erfassung des französischen Sy¬ 
stems im Streckenabschnitt Oberrhein-Maas gerichtet sind wie auf eine Berücksichti¬ 
gung der Änderungen, die sich im Lauf der Zeit als Reaktion auf verschiedene politi¬ 
sche Lagen und auf andere Grenzziehungen ergaben. Das Deutsche Reich verfügte 
schon staatsrechtlich nicht über solche Möglichkeiten. Eine Ausnahme machten allen¬ 
falls die spanischen bzw. österreichischen Niederlande. Brandenburg-Preußens zu¬ 
sammengewürfelte Besitzungen, ohne Landverbindung zwischen östlichen und westli¬ 
chen Gebietsteilen, waren so nicht zu sichern. Natürlich zeichnen sich in Deutschland 
die großen strategischen Linien ab, die Rheinlinie, wo Mannheim, Mainz und Ehren¬ 
breitstein immerhin einen wichtigen Sperriegel bildeten, die Weserlinie, von großer 
Bedeutung bei allen Norddeutschland erfassenden kriegerischen Operationen mit dem 
preußischen Minden und dem hannoverschen Hameln. 
Bei der großen Selektion22, die jetzt unter den deutschen mittelalterlichen Städten 
stattfand, möchte ich drei Gruppen herausheben: 
1. Die großen alten Reichsstädte paßten ihre Mauern den neuen fortifikatori¬ 
schen Erfordernissen an, soweit und so gut sie es finanziell vermochten. Die 
reichsstädtischen Bastionen behielten ihre mittelalterliche Funktion, die Stadt 
19 Lautzas (wie Anm. 6) S. 4. 
20 Ebenda S. 11 ff., S. 82. 
21 Wie Anm. 4. 
22 Friedrich P. Kahl enberg, Kurmainzische Verteidigungseinrichtungen und Baugeschichte der 
Festung Mainz im 17. und 19. Jahrhundert. Diss. Mainz 1962 (Beiträge zur Geschichte der 
Stadt Mainz 19) Wiesbaden 1963, S. 79 Anm. 2. Die von Hermann Werner, Das bastionare 
Befestigungssystem und seine Einwirkung auf den Grundriß deutscher Städte. Diss. Frank¬ 
furt/Main 1935, S. 15 ff. gegebe ne Übersicht ist unzulänglich u. unvollständig (Jülich u. 
Hameln fehlen u. a.). 
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