Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

ßische Handelsministerium. Renommierte liberale Blätter entfalteten nun eine Presse¬ 
kampagne gegen Stumm. Im preußischen Abgeordnetenhaus verurteilten Nationallibe¬ 
rale, Fortschrittler und Zentrumspartei am 7. Dezember 1880 einhellig den Boykottbe¬ 
schluß. Sie stritten den sozialdemokratischen Charakter des ,,Neunkircher Tageblat¬ 
tes“ ab und attackierten die Regierung wegen deren Rückendeckung für einen Angriff 
auf eine liberale Zeitung91. 
Albert von Maybach (1822 —1904)92, dem als Minister für öffentliche Arbeiten auch die 
Staatsbetriebe des Saarreviers unterstanden, mußte eine amtliche Untersuchung einlei¬ 
ten. Die Regierung kam dabei zu dem Ergebnis, das „Neunkircher Tageblatt“ sei kein 
sozialdemokratisches Organ. Der Beschluß des Saarbrücker Arbeitgeberkomitees sei 
somit zu Unrecht gefaßt worden. Maybach stand damit vor der schwierigen Aufga¬ 
be, einerseits einen entsprechenden Rückzug der Staatsbetriebe einzuleiten, anderer¬ 
seits eine politische Kompromittierung Stumms zu vermeiden. Wolff ergriff wiederum 
Stumms Partei: Am 7. Dezember 1880 empfahl er dem preußischen Staatsministerium, 
Webers Beschwerde abzuweisen und Stumm zu decken; eine nachträgliche Aufhebung 
des Verbots schwäche die Autorität der Regierung und stelle ein einheitliches Vorgehen 
gegen die Sozialdemokratie in Frage93. Auch Karl Friedrich Eilert (1832 — 1913)94, der 
Vorsitzende der Bergwerksdirektion, vertrat zunächst vehement den Boykottbe¬ 
schluß95. Doch Maybach blieb bei seiner Auffassung. Am 12. Januar 1881 ordnete er 
die Aufhebung des Verbotes für die Staatsbetriebe an. Gleichzeitig empfahl er eine ge¬ 
meinsame Zurücknahme des Boykottbeschlusses durch das Saarbrücker Arbeitgeber¬ 
komitee, um eine einseitige Desavouierung Stumms zu vermeiden. Wolff war mit die¬ 
ser Entscheidung zwar nicht einverstanden, doch auch er bemühte sich jetzt notge¬ 
drungen, Stumm zum Einlenken zu bewegen96. Auf einer Sitzung des Arbeitgeberko¬ 
mitees am 20. Januar 1881 kam es jedoch zu keiner Einigung. Nach stundenlanger De¬ 
batte verließ Stumm die Konferenz und erklärte seinen Austritt aus dem Komitee97, das 
für die verbliebenen Mitglieder die Aufhebung des Boykotts gegen das ,,Neunkircher 
Tageblatt“ beschloß. Am folgenden Tag verkündete Stumm deswegen seinen Rücktritt 
vom politischen Leben, hielt den Boykottbeschluß für seine Belegschaft aber auf¬ 
recht98. 
Am 4. Januar 1881 konstituierte sich in Neunkirchen ein Ortsverband der Hirsch- 
Duncker’schen Gewerkvereine, eine Organisation, die der Fortschrittspartei und da¬ 
mit dem ,,Neunkircher Tageblatt“ nahestand99. Hüttenarbeiter schlossen sich nicht an, 
lediglich einige Handwerker und Krämer traten bei, die an der angegliederten Unter- 
9t H e 11 w i g : Stumm, S. 234 f. 
92 Vgl. Friedrich Jungnickel: Staatsminister Albert von Maybach. Ein Beitrag zur Geschich¬ 
te des preußischen und deutschen Eisenbahnwesens, Stuttgart 1910. 
93 Hellwig: Stumm, S. 236. 
94 Vgl. Faus, 2. Teil, S. 90. 
95 Eilert/BWD an Stumm vom 4. 1. 1881, abgedruckt bei Hellwig; Stumm, S. 250. Vgl. RP 
Wolff/Trier an Stumm vom 21. 1. 1881, abgedruckt ebd., S. 253. 
96 RP Wolff/Trier an Stumm vom 18. 1. 1881, abgedruckt ebd., S. 251 f. Ähnlich Minister Lu¬ 
cius von Ballhausen an Stumm vom 20. 1. 1881, abgedruckt ebd., S. 253. 
97 SBZ vom 24. 1. 1881 (Nr. 19). Vgl. Hellwig: Stumm, S. 237. 
98 SBZ vom 21.1. 1881 (Nr. 16), abgedruckt auch bei Gab e 1, S. 73 f. und H ei t j an , S. 94. 
Stumm kandidierte erst 1889 wieder für den Reichstag. 
99 Vgl. Wilhelm Gleichauf: Geschichte des Verbandes der deutschen Gewerkvereine 
(Hirsch-Duncker), Berlin 1907. Karl Goldschmidt: Die deutschen Gewerkvereine 
(Hirsch-Duncker). Eine kurzgefaßte Geschichte ihrer Begründung und Entwicklung, Berlin 
1907. K ulemann; Berufsvereine, Bd. 2, S. 4-32. 
80
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.