Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Gleichzeitig wurden die Baurayons für Prämienhäuser ausgedehnt120. Beide Maßnah¬ 
men gaben den bäuerlichen Rückzugsstrategien neuen Raum. Die erweiterte Tagesver¬ 
bindung zwischen Arbeitsplatz und Wohnort schloß Lücken zwischen Wunsch- und 
Erfahrungswelt, das Reich der Notwendigkeit und das der Freiheit rückten näher zu¬ 
sammen. 
Die Zahl der Haus- und Landeigentümer stagnierte zwar in dieser Phase und hinkte 
hinter dem Belegschaftswachstum her, der wachsende Kleinviehbesitz schien die priva- 
ten Hoffungen 
jedoch zu realisieren121 
(1875 = 100): 
Jahr 
Belegschaft 
Haus¬ 
eigentümer 
Land¬ 
eigentümer 
1895 
31 074 132 
13 102 140 
9 012 125 
1900 
41 406 177 
15 369 164 
9 984 139 
1905 
46 489 198 
18 223 194 
10 372 144 
Jahr 
Rindvieh 
Ziegen 
Schweine 
1895 
9 000 141 
7 443 174 
8 508 370 
1900 
10 716 168 
10 626 210 
10 134 440 
1905 
10 498 165 
11 826 234 
8 534 371 
Der 1882 eröffnete französische Ostkanal bedingte eine stärker werdende Konkurrenz 
der belgischen Kohle; die Saarkohle mußte in wachsendem Maße auf dem inländischen 
Markt abgesetzt werden122, auf dem das Ruhrgebiet spätestens seit 1910 zum eigentli¬ 
chen Preisbildner avancierte123. Das im gesamten 19. Jahrhundert gewahrte Regional¬ 
monopol verschwand damit. Gleichzeitig ging die Monopolstellung auf dem Arbeits¬ 
markt verloren: Seit 1907 wanderten etwa 4000 Bergarbeiter in das expandierende Lo¬ 
thringer Revier ab124. ,,Sollte sich dieser in der letzten Hochkonjunktur schon hervor¬ 
tretende Nachteil hei der nächsten Aufwärtsbewegung zu einer Abwanderung in ande¬ 
re Bezirke, besonders in das benachbarte Lothringen, steigern, so wird der Staatsberg¬ 
bau seine Sonderstellung aufgeben und mit den Löhnen und der Schichtenzahl auch 
wieder mehr nach allgemeinem Brauche verfahren müssen, wenn er nicht ganz auf 
wirtschaftliche Erfolge verzichten will“125, prognostizierte Berginspektor Herbig 1910. 
Erst dieser tendenzielle Verlust der Monopolsituation schuf normale kapitalistische 
Verhältnisse und damit die Chance einer gewerkschaftlichen Bergarbeiterbewegung. 
120 Vgl. E. Müller, S. 85 f. Gronerad, S. 39. 
121 Zusammengestellt und berechnet nach Arbeiterbelegschaft 1895, 1900, 1905, jeweils S. 3. 
Vgl. Herbig: Wirtschaftsrechnungen, S. 454. Pauli, S. 26. 
122 Zörner, S. 20, 22 f., 26-29. 
123 Ebd., S. 53 f. Linden, S. 102. 
124 B e n tz, S. 142. 
125 Herbig: Arbeiterersatz, S. 1401. 
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