Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

nisse entgegen: Wegen der mangelnden Mechanisierung der Kohlengewinnung be¬ 
stimmten keine Maschinen den Arbeitsrhythmus, der Bergmann vor Ort blieb ganz 
Herr seines Tempos. Überdies machte die Zersplitterung des Betriebes in zahlreiche 
Abbauorte eine dauernde Kontrolle unmöglich47. „Es muß deshalb das Taylorsystem, 
wie es aus Fabrikbetrieben bekannt ist, als im wesentlichen für die Bergbauverhältnisse 
nicht anwendbar betrachtet werden. Der Bergwerksunternehmer wird sich auch für die 
Zukunft zwecks Hebung des Arbeiterleistungsaufwandes der bisher gebräuchlichen 
Mittel weiter bedienen müssen; es sind dies: Aufsicht und zweckmäßige Lohnpolitik“1’*. 
Da die unterschiedlichen tektonischen Bedingungen keine generalisierenden Löhne ge¬ 
statteten, handelte man spezielle Akkordlöhne mit den jeweiligen Ortskameradschaf¬ 
ten aus". Zu Beginn der 40er Jahre ging man bei Abbau-, Aus- und Vorrichtungsarbei¬ 
ten zu Hauptgedingen mit einer Laufzeit von drei bis sechs Monaten über, die in einer 
Versteigerung an den Mindestfordernden vergeben wurden97 100. Allerdings sollten sich 
die Gedinge im Rahmen von Normalschichtlöhnen bewegen, deren Höhe seit 1817 
vom Oberbergamt festgesetzt wurde'01; es handelte sich also um einen fingierten Zeit¬ 
lohn. Mit der Bergrechtsreform trat jedoch „der Einfluß der Normalschichtlohnsätze 
bei der Festsetzung von Gedingen ... erheblich zurück und kam nur noch in den reinen 
Schichtlöhnen zum Ausdruck“101 102, die den Charakter von Minimalsätzen annahmen. 
Damit verließ man das Prinzip der Bedürfnissicherung bei der Lohnbemessung. In ei¬ 
nem Erlaß an die fiskalischen Grubenverwaltungen forderte Minister Achenbach 1875 
eine Verringerung des Selbstkostenanteils am Kohlenverkaufspreis durch Lohnkosten¬ 
reduktion und Steigerung der Arbeitsleistung: „Es wird dabei dem fleißigen Arbeiter 
Gelegenheit geboten, bei größerer Leistung den gleichen Erwerb wie früher zu ver¬ 
schaffen“’03. Wer sich nicht bereit zeigte, das angebotene Gedinge zu akzeptieren, 
wurde nach Schichtlohnsätzen bezahlt104, „fetzt steigerten Manche in unsinnigster 
Weise herunter, weil sie als Günstlinge der Steiger einer späteren Aufbesserung sich si¬ 
cher wüßten“, berichtete der Dudweiler Dechant Oesterlmg. „Es erschiene so das gan¬ 
ze Geschäft als Lohnherabdrückung und vermehre den Argwohn, daß diejenigen, wel¬ 
che gutes Lohn hätten, während Andere in dem selben Flötz oft weniger verdienten, 
vom Lohn dem Steiger ein Trinkgeld abgäben und deshalb zum Schaden ihrer Kamera¬ 
97 Vgl. Bgrnfr. v. 21. 1. 1893 (Nr. 15). 
98 Wilhelm Pothmann: Der im Ruhrbergbau auf den Kopf der Belegschaft entfallende För¬ 
deranteil und das Problem seiner wirtschaftlichen Steigerung (= Beiträge zur Lehre von den 
industriellen, Handels- und Verkehrsunternehmungen, Bd. 2), Jena 1916, S. 72 f. Vgl. Qui¬ 
rin, S. 19. Brockhaus, S. 96 f. Hartmann, S. 74 — 86. 
99 Vgl. E. M ü 11 e r, S. 13 ff. Hans B1 ä s : Das Gedinge. Geschichtliches über einen bergmänni¬ 
schen Ausdruck, in: SBK 1965, S. 82 f. Ludwig Bernhard : Die Entstehung und Entwick¬ 
lung der Gedingeordnungen im deutschen Bergrecht (= Staats- und sozialwissenschaftliche 
Forschungen, Bd. 20/7), Leipzig 1902. 
100 E. Müller, S. 20. Quirin, S. 19 f. Vgl. die rechtfertigende Stellungnahme der BWD vom 
17. 7. 1889, in: Denkschrift zur Untersuchung der Arbeiter- und Betriebsverhältnisse, S. 82. 
101 E. Müller, S. 13, 15-18. 
102 Ebd., S. 44. 
103 Abgedruckt in Christlich-soziale Blätter 8 (1875), S. 440 f. Vgl. Lujo Brentano: Über das 
Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung, in: Jahrbuch für Verwal¬ 
tung, Volkswirtschaft und Rechtspflege 4 (1876), S. 190 — 213. Nieder, S. 23. Tenfel- 
de: Sozialgeschichte, S. 303. 
104 Brandt, S. 63. Quirin, S. 32. Vgl. BM Meyer/Malstatt-Burbach an LR vom 21.5. 1889, 
Kr ASB S/l. 
32
	        
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