Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

nischen Verbesserungen minimal*9; menschliche Kraft und Geschicklichkeit bildeten 
nach wie vor die entscheidenden Faktoren. Dennoch nahm die Arbeitsproduktivität 
kontinuierlich zu: Ein Belegschaftsmitglied förderte 1870 durchschnittlich 174,5 Ton¬ 
nen pro Jahr, 1880 waren es 227,3 Tonnen, 1888 bereits 243 Tonnen89 90 92. 
Vorrangig scheint dies auf eine Extensivierung des Arbeitsprozesses zurückzuführen 
zu sein. Verfuhren im Gedinge arbeitende Bergleute vor der Bergrechtsreform noch ei¬ 
ne 8-stündige Schicht'11, so stellte die Arbeitsordnung vom 20. August 1877 die Ar¬ 
beitszeit dem Ermessen der einzelnen Inspektionen anheim. In der Folgezeit dehnte 
man die Schichtdauer aus. Lediglich bei eiligen Aus- und Vorrichtungsarbeiten blieb 
die Belegung in Dritteln und damit die 8-Stunden-Schicht üblich, Nebenarbeiten wur¬ 
den grundsätzlich 12-stündig ausgeführt. ,,Grade bei den Flammkoblengruben schwan¬ 
ken in den verschiedenen Jahreszeiten die Anforderungen der Abnehmer ganz bedeu¬ 
tend und diesen sich anpassend, vaniren die Schichten auf den einzelnen Flammkohlen- 
gruben von 8 bis 12 Stunden Dauer“, berichtete die Bergwerksdirektion 1887. Auf den 
Fettkohlengruben arbeitete man in der Regel 10 Stunden, ,,während bei Heinitz, das 
stets mit Bestellungen überlastet ist, die Schicht ganz regelmäßig 12 Stunden dauert“31. 
Außerdem benutzte man Überschichten, zu denen die Bergleute ,,bei dringenden Ar¬ 
beiten“ verpflichtet waren, um die Schichtdauer „mitunter auf 12 Stunden“ zu verlän¬ 
gern93. 1889 betrug die reguläre Schicht im Durchschnitt 10 Stunden94 95. „Um zu ver¬ 
hindern, daß die Bergleute unbemerkt aus der Arbeit sich entfernen konnten“3'', ver¬ 
schloß man die Tagesstrecken mit Gittertüren. 
Eine wesentliche Rolle spielte daneben eine Steigerung der Arbeitsintensität, die jedoch 
eine Anpassung an den industriellen Arbeitstag und eine Entwöhnung vom Rhythmus 
der saisonbedingten Landwirtschaft voraussetzte96. Dem standen strukturelle Hinder¬ 
89 Vgl. die zeitgenössischen Schilderungen von Rudolf Nasse: Der technische Betrieb der Kgl. 
Steinkohlengruben bei Saarbrücken, in: ZBHS 33 (1885), S. 1 — 58, 163 —215,277— 314 sowie 
Richard Mellin : Der technische Betrieb der staatlichen Steinkohlengruben bei Saarbrücken 
(= Der Steinkohlenbergbau des Preußischen Staates in der Umgebung von Saarbrücken, Bd. 
3), Berlin 1906. Brauchbare Gesamtüberblicke bei Georg Philippi: Von der Hacke zum 
Walzenschrämlader. Die Entwicklung der Bergbautechnik an der Saar, in: SBK 1966, S. 
84 — 97. Jiri M a j e r : Die Bergbautechnik im Verlauf der industriellen Revolution in den mit¬ 
teleuropäischen Revieren (1830— 1914), in: Der Anschnitt 29 (1977), S. 48 — 65. 
90 E. Müller, S. 154. Vgl. Haßlacher: Geschichtliche Entwicklung, S. 167. 
91 E. M ü 11 e r, S. 12. 
92 Hinckeldey und Wagner/BWD an MÖA v. 10. 9. 1887, LASB 564/816, 337 — 345, Zitate S. 
342. Hermann v. Fe st en b e rg- Pack isch : Der deutsche Bergbau. Ein Gesammtbild sei¬ 
ner Entstehung, Entwickelung, volkswirthschaftlichen Bedeutung und Zukunft mit Benut¬ 
zung bester Quellenwerke, Berlin 1886, S. 109, fabulierte jedoch noch ein Jahr zuvor, daß zu 
einer Herabsetzung der 8-Stunden-Schicht auf den Saargruben keine Veranlassung bestehe. 
93 Denkschrift zur Untersuchung der Arbeiter- und Betriebsverhältnisse, S. 25. 
94 Ebd., S. 21. Zur unterschiedlichen Situation der einzelnen Inspektionen vgl. Konferenzproto¬ 
koll der BWD v. 21. 5. 1889, KrASB S/l. Zur Schichtdauer in den übrigen Revieren vgl. 
I m b u s c h , S. 62 f. 
95 Denkschrift zur Untersuchung der Arbeiter- und Betriebsverhältnissü, S. 37. Beleidigungs¬ 
prozeß, S. 11. E. Müller, S. 49 f. 
96 Vgl. Sidney Pollard : Die Fabrikdisziplin in der industriellen Revolution, in: Wolfram Fi- 
scher/Georg Bajor (Hrsg.): Die soziale Frage. Neuere Studien zur Lage der Fabrikarbeiter in 
den Frühphasen der Industrialisierung, Stuttgart 1967, S. 159 — 185. Alf L ü d t k e : Arbeitsbe¬ 
ginn, Arbeitspausen, Arbeitsende. Skizzen zur Bedürfnisbefriedigung und Industriearbeit im 
19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Gerhard Huck (Hrsg.): Sozialgeschichte der Freizeit. Un¬ 
tersuchungen zum Wandel der Alltagskultur in Deutschland, Wuppertal 1980, S. 95 — 122, 
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