Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

11 Der Niedergang des Rechtsschutzvereins 
11.1 Der Streik um die Jahreswende 1892/93 
Im November 1892 wurden nur vereinzelt Streikdrohungen laut1, im allgemeinen be¬ 
ließ man es bei dem Beschluß, die neue Arbeitsordnung nicht anzunehmen. Die Wie¬ 
derwahl des RSV-Vorstandes am 20. November und die Erregung über erneute Lohn¬ 
kürzungen veränderten die Situation. In einer erstmals wieder von 2000 Bergleuten be¬ 
suchten Bildstocker Versammlung am 8. Dezember forderte insbesondere Warken zur 
Arbeitsniederlegung auf: ,, Wir müssen uns selbst helfen, wie wir uns 1889 geholfen“1. 
Thomes und Schillos Argument, „daß der Verein zu schwach und zu arm ist, um einen 
Streik mit Erfolg durchzuführen“2, ging unter. Die Versammlung sprach die juristisch 
ungültige Kollektivkündigung zum 1. Januar aus und wählte ein Streikkomitee mit 
Weyand, Müller/Landsweiler, Speicher-Weisgerber, Schillo und Bachmann, der 
selbstkritisch anmerkte, „längere Zeit ... die Nörgler angehört“ zu haben. „Wie auch 
der Streit ausfallen möge, die Bergarbeiterschaft kann ihm ruhig entgegensehen, denn 
viel steht bei ihr nicht auf dem Spiel. Ob sie arbeitend hungern, oder das gleiche ohne 
Beschäftigung zu thun gezwungen ist, gilt fast gleich“*, hieß es euphemistisch in der 
nächsten Nummer von ,,Schlägel und Eisen“. 
Spontaneität und Angst vor weiterem Prestigeverlust siegten über gewerkschaftliche 
Taktik. Der RSV-Vorstand trat die Flucht nach vorn an, um die inneren Probleme mit 
dem im Mai 1889 bewährten Mittel zu lösen. Während die Zahl der Streiks in Deutsch¬ 
land infolge der Krise deutlich abnahm3, vertraute der Vorstand des RSV auf die Wie¬ 
derholbarkeit dieses Urerlebmsses der Solidarität trotz völlig anderer Ausgangspositio¬ 
nen. W'ar der Arbeitskampf damals der Anlaß zur Orgamsationsgründung, so sollte er 
diesmal als Mittel dienen, um die verlorengehende Bindung an den RSV wiederherzu¬ 
stellen: Äußerer Druck als Garant neuer Einigkeit. Im Falle einer Streikniederlage hin¬ 
gegen war der Bestand der Organisation sofort in Frage gestellt. Doch diese dialekti¬ 
sche Umkehrung der Offensivstrategie erkannte kaum jemand. Mit dem Streikbe¬ 
schluß am 8. Dezember begann der RSV-Vorstand ein Vabanquespiel, das mit der Auf¬ 
lösung der Organisation enden sollte. 
1 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 18. 11. 1892, Konzept SAFR, Acta RSV, Ausfertigung 
KrASB S/7. 
2 Dto. vom 9. 12. 1892, Konzept SAFR, Best. RSV, 372 —377, Zitat S. 376, Abschrift LHAK 
442/4250. Vgl. SJZ vom 9. 12. 1892 (Nr. 289). Bgmfr. vom 9. 12. 1892 (Nr. 83/Extra-Beilage). 
3 Schlägel und Eisen vom 14. 12. 1892 (Nr. 68). 
4 Ebd., Leitartikel „Die Würfel sind gefallen“. 
5 Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands vom 22. 7. 
1901 (Nr. 29), abgedruckt auch bei Klaus, S. 61: 
Jahr 
Streiks 
Streikende 
Resultat in % 
Erfolg 
Teilerfolg 
Niederlage 
1890/91 
226 
38 536 
30,7 
38,4 
24,3 
1892 
73 
3 022 
34,2 
20,5 
43,9 
1893 
116 
9 356 
44,0 
21,6 
32,7 
Vgl. die Daten der halbjährigen Streikstatistik des preußischen Flandelsministeriums bei 
Broesike, S. 34, sowie Fr icke : Zur Organisation, S. 257 f. 
288
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.