Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Da die so herabgestuften künftigen Lehrhauer in aller Regel Bergmannssöhne waren 
und ihr Einkommen ein bedeutender Posten des Familienbudgets darstellte, erhob sich 
insbesondere gegen diese Lohnsenkung ein Sturm der Entrüstung. Versammlungen in 
den meisten Bergarbeiterorten lehnten die neue Arbeitsordnung ab und riefen die 
„ Völklinger Beschlüsse“ wieder ins Gedächtnis49 53. ,,Bei Erörterung des Beschwerdewe¬ 
ges zeigte sich das alte, tiefe Mißtrauen gegen die Vorgesetzte Behörde und die directen 
Vorgesetzten; einer Äußerung aus der Versammlung ,Wenn wir mit einer Beschwerde 
auf die Grube kommen, dann sind wir schon verkauft1, wurde allgemeiner Beifall ge¬ 
zollt“50, berichtete Bürgermeister Speicher über die Guichenbacher Protestveranstal¬ 
tungen. ,,Es käme womöglich noch schlechter wie vor 1889“5|, faßte Gendarm Christen 
die Stimmung zusammen. Am 27. November 1892 verabschiedete eine Versammlung 
sämtlicher Grubenausschüsse in Bildstock einen detaillierten Forderungskatalog zur 
Abänderung der Arbeitsordnung52. Auch der Berliner ,¡Vorwärts“ polemisierte unter 
der Überschrift ,,Eine Musterleistung fiskalischer Sozialpolitik“ gegen den Entwurf53. 
Lediglich die evangelischen Arbeitervereine stimmten dem Inhalt „im allgemeinen“ 
zu54 55; „der Arbeitgeber hat doch auch ein Recht, zu bestimmen, was in seinem Betriebe 
Arbeitsordnung sein kann und sein soll“5:>, meinte das „Evangelische Wochenblatt“. 
Trotz der Proteste änderte die Bergwerksdirektion den Entwurf auf Empfehlung Ber¬ 
lepschs nur in einem Punkt56: Die Lehrhauerzeit wurde von 3 auf 2 Jahre reduziert57 58. 
„Wenn die Saarkohle concurrenzfähig bleiben soll, muß sowieso auf Verminderung der 
Produktionskosten gesehen werden und da ist doch entschieden zu billigen, wenn vor 
allem die Löhne der jungen Burschen beschnitten werden“5*, kommentierte Landrat 
Bake die am 1. Januar 1893 in Kraft tretende Arbeitsordnung. 
49 Versammlungsberichte Kr ASB S/7. Vgl. Schulze, S. 11 — 13. Bgmfr. vom 22. 11. (Nr. 78), 
25. 11. (Nr. 79) und 2. 12. 1892 (Nr. 81). 
50 BM Speicher/Riegelsberg an LR vom 12. 11. 1892, KrASB S/7. 
51 Gendarm Christen an BM Speicher/Riegelsberg vom 13. 12. 1892, Abschrift ebd. 
52 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 23. 12. 1892, Konzept SAFR, Best. RSV, 384 — 387, 
Abschrift LHAK 442/4250. Resolutionstext KrASB S/7, LHAK 442/4250, LASP H 35/174 
und HStAD, Best. OBA Bonn, Nr. 2250, 265. Abgedruckt bei Wißmann, S. 37 — 44 und 
Kiefer: Organisationsbestrebungen,S. 206 — 215. Vgl. B r a n d t, S. 87 f. Fiue: Bergarbei¬ 
ter, Bd. 2, S. 438. 
53 Vorwärts vom 14. 12. 1892 (Nr. 293). Vgl. die Antwort des Bgmfr. vom 28. 12. 1892 (Nr. 88). 
54.EW vom 4. 12. 1892 (Nr. 49). 
55 EW vom 24. 12. 1892 (Nr. 52). 
56 HM Berlepsch an BWD vom 28. 11. 1892, HStAD, Best. OBA Bonn, Nr. 2250, 268 f. Vel- 
sen/BWD an HM vom 7. 12. 1892, ebd., 271 f. 
57 Text in Extranummer des Bgmfr. vom 15. 12. 1892 sowie in ZfB 34 (1893), S. 20 — 37. Vgl. 
die am 28. November 1892 verabschiedete „Normal-Arbeitsordnung“ des „Vereins für berg¬ 
bauliche Interessen“ in ZfB 34 (1893), S. 37 — 45. 
58 LR Bake/SB an RP vom 14. 12. 1892, Konzept KrASB S/7, Ausfertigung LHAK 442/4250. 
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