Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

10.5 Die sozialdemokratische Offensive 1892 
Die sozialdemokratische Parteileitung sei völlig damit einverstanden, daß „Du zur 
Agitation und Organisation ins Saar-Revier übersiedelst“, schrieb Richard Fischer, der 
Sekretär des Parteivorstandes, am 28. November 1891 an Joseph Leopold Emmel 
(1863 — 1919)1. Mit Beginn des neuen Jahres werde dort eine sozialdemokratische Wo¬ 
chenzeitung als Kopfblatt der Mannheimer ,,Volksstimme“2 erscheinen; Emmel solle 
den Vertrieb sowie die Redaktion der Regionalseite übernehmen. 
Mit Emmel, der sich im Dezember 1891 in St. Johann niederließ, kam erstmals seit den 
70er Jahren wieder ein hauptamtlicher Parteifunktionär3 an die Saar: Er stammte aus 
Hentern im Kreis Saarburg, hatte Bauschlosser gelernt und war nach seinem Militär¬ 
dienst bei der 2. Werftdivision in Wilhelmshaven in Deutschland, Österreich, der 
Schweiz und Italien als Geselle auf Wanderschaft. Von Juli 1887 bis September 1889 
beteiligte er sich in Zürich, dem wichtigsten Auslandszentrum der deutschen Sozialde¬ 
mokratie, an der Parteiarbeit und zog dann auf Betreiben des Vorstandes nach Frank¬ 
furt. Im Oktober 1889 gründete er dort einen ,,Arbeiterwahlverein“, der jedoch schon 
am 30. November verboten wurde4. Nach Ablauf des Sozialistengesetzes fungierte er 
als Vorsitzender des ,,Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Frankfurt“ und 
vertrat diese Organisation auf den Parteitagen in Halle und Erfurt5. Seit Juli 1891 leitete 
er zudem den Frankfurter Ausschuß des ,,Deutschen Metallarbeiter-Verbandes“. Ein 
„sehr gewandter, zweck- und zielbewußter Sozialdemokrat“ 6, urteilte der Frankfurter 
Polizeipräsident. 
Am 27. Dezember 1891 erschien die Probenummer des „Boten von der Saar. Organ 
des werktätigen Volkes des Saar- und Bliesgaues“7. Im programmatischen Geleitwort 
verlieh Emmel der Sozialdemokratie Züge einer entschiedenen Reformpartei8: ,,Wir 
wollen unsere Ziele nicht durch rohe brutale Gewalt, nicht durch Mord und Brand, 
nicht durch predigen von Haß gegen die Besitzenden und Fabrikherrn erstreben, son¬ 
dern auf dem Wege, daß wir die Massen aufklären, daß wir an den Wahlen uns bethei¬ 
ligen und in der Gesetzgebung unsern Einfluß im Sinne unserer Forderungen geltend 
machen . . . Auf wirthschaftlichem Gebiete verlangen wir, daß dem Unternehmer- 
1 Fischer/Berlin an Emmel vom 28. 11. 1891, IISG, Kleine Korrespondenz der Sozialisten. 
2 Die erste Nummer der ,, Volksstimme. Sozialpolitisches Tageblatt für das werkthätige Volk der 
Badisch-Bayerischen Pfalz“ erschien am 1. Mai 1890. Zur Geschichte der Zeitung vgl. 
Schadt, S. 138 — 146. Zur Geschichte der sozialdemokratischen Partei in Mannheim 
1867 — 1906, Mannheim o. J. (1906), S. 14 ff. 
3 Emmel erhielt ein monatliches Salär von 160 M. aus der sozialdemokratischen Zentralkasse, 
BM Neff/St. Johann an LR vom 25. 2. 1892, KrASB S/7. 
4 Vgl. Stern, Bd. 2, S. 974-977. 
5 SPD-Parteitagsprotokoll 1890, S. 47. SPD-Parteitagsprotokoll 1891, S. 12. 
6 Polizeipräsident/Frankfurt an LR/SB vom 30. 12. 1891, Abschriften LFIAK 403/6835, 
289 — 297, Zitat S. 296 f. und 442/4274. Vgl. Freie Presse für das Oberelsaß vom 22. 7. 1903. 
Biographisch-statistisches Handbuch von Regierung und Landtag Elsaß-Lothringens 
1911 — 1916, Mühlhausen 1912, S. 171. Sein Bruder Peter Emmel betrieb ein Lebensmittelge¬ 
schäft in Rußhütte, BM Meyer/Malstatt-Burbach an LR vom 25. 1. 1892, KrASB S/7. 
7 LR Bake/SB an RP vom 28. 12. 1891, Konzept KrASB S/7, Ausfertigung LHAK 442/4274. 
Um Emmel vor Anklagen wegen Preßvergehen zu schützen, zeichnete Georg Pfeiffle/Mann- 
heim ab Mitte Februar 1892 für die Regionalseite verantwortlich, dto. vom 20. 2. 1892, 
LHAK 442/4376. Zur Unterstützung des Blattes schoß der Parteivorstand im Jahre 1892 
2 257,30 M. zu, SPD-Parteitagsprotokoll 1892, S. 38. 
8 Ähnlich auch Hugo D u 11 e n s : Bilder aus dem Zukunfts-Staat. Zur Beherzigung für das steu¬ 
erzahlende Volk wie es jetzt ist, wie es sein sollte und wie es kommen wird, Ludwigshafen 
1901. 
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