Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

det werden: ,,Die Anhänger der christlichen Weltanschauung glauben, daß sich zwar 
nicht alle Uebelstände beseitigen lassen, daß sie aber verpflichtet sind, nach Kräften an 
deren Beseitigung zu arbeiten, und daß die Hoffnung auf den Lohn im Himmel dem 
Arbeiter es leicht macht, die Uebelstände zu ertragen, die sich nun einmal trotz des be¬ 
sten Willens nicht ändern lassen. Die Religion bietet also den wirksamsten Trost in der 
Erduldung irdischer Leiden; ferner schärft sie ein im 4. Gebote Gottes die Achtung vor 
der Obrigkeit, im 6. Gebot die Heiligkeit der Ehe und im 7. Gebote die Achtung vor 
dem Eigenthum“*9. Der Pirmasenser Sozialdemokrat Ludwig Mayer durfte Dasbach 
kurz antworten, die ebenfalls anwesenden Ehrhart und Dreesbach kamen nicht zu 
Wort49 50. Am 14. September 1890 standen sich Dasbach und Ehrhart in einer weiteren 
St. Ingberter Massenversammlung gegenüber. Der Erfolg war diesmal geteilt, denn 
Dasbach verwundete die anwesenden Bergleute an ihrer empfindlichsten Stelle. Er 
meinte, Warken und Bachmann seien unfähig, im Parlament eine Rede zu halten51. Im 
Anschluß daran erklärte Bachmann, weder zu der Sozialdemokratie, noch zu einer 
anderen Partei nähmen die Arbeiter ihre Zuflucht; nur eine eigene Arbeiterpartei könne 
etwas für die Arbeiter thun‘°2 53. 
Auch in seiner 1891 erschienenen Broschüre ,,Die katholischen Orden und die soziale 
Frage“ blieb Dasbach innerhalb der Grenzen der scholastischen Moralphilosophie: 
,, Wie retten wir den Arbeiter vor der Verzweiflung? Indem wir den Arbeitgeber bes¬ 
sern und den Arbeiter trösten<OJ. Die gesellschaftlichen Grundwerte dieser Gesin¬ 
nungsreform schöpfte er aus dem Klosterleben: Armut, Gehorsam, sexuelle Enthalt¬ 
samkeit. „Wenn der Arbeitgeber christliche Liebe zum Arbeiter trägt, wenn der Arbei¬ 
ter sich Mäßigung auferlegt, und wenn beide Theile die Entsagung des Ordensstandes 
nachahmen, die irdischen Güter und Genüsse nicht so hoch schätzen, dann wird der 
Friede zwischen ihnen leicht bewahrt — zu beiderseitigem Vortheil“54. 
Angesichts des auslaufenden Sozialistengesetzes diskutierte man erneut die Haltung zu 
Gewerkschaften. Der Trierer Pfarrer Schmitz forderte in seinem Referat auf dem Ko¬ 
blenzer Katholikentag im August 1890, „der sozialdemokratischen Organisation unse¬ 
re Gegenorganisation . . . entgegenzusetzen“55 56. Die Sozialpolitiker des Zentrums er¬ 
klärten zwar nach wie vor, daß in den Gewerkvereinen ,,allein die Möglichkeit liegt, 
die Zeiten wilder Streik-Kämpfe“ zu beenden; es sei besser, man habe „es mit Kampf¬ 
organisationen zu thun, als mit unorganisierten Massen, die wohl den Krieg proklamie¬ 
ren, aber nicht Frieden schließen können“5(>. Da man jedoch nicht mehr glaubte, Sozial¬ 
demokratie und freie Gewerkschaften voneinander trennen zu können, tendierte man 
49 Ebd., S. 14. 
50 RA Kollmar/ZW an RP/Speyer vom 17. 8. 1890, LASP H 3/1867. RP Braun/Speyer an bayri¬ 
sches IM vom 3. 10. 1890, LASP H 3/932/IX. Vgl. SZ vom 18. 8. 1890 (Nr. 191), SJZ vom 
16. 8. 1890 (Nr. 191), TLZ vom 19. 8. 1890 (Nr. 227). Dieser laut Regierungspräsident von 
Braun ,,kräftige Widerstand der Centrumspartei“ wird auch von E. Schneider, S. 110, ge¬ 
streift. 
51 RP Braun/Speyer an bayrisches IM vom 3. 10. 1890, LASP H 3/932/IX. Vgl. SJZ vom 15. 9. 
1890 (Nr. 216) und TLZ vom 16. 9. 1890 (Nr. 255). 
52 SZ vom 15. 9. 1890 (Nr. 215). 
53 Dasbach: Die katholischen Orden, S. 5. 
54 Ebd., S. 8. Die Broschüre fußte auf Dasbachs Rede auf dem Bochumer Katholikentag 1889, 
abgedruckt in PB vom 8. 9. 1889 (Nr. 36). Zur antisozialistischen Traktatliteratur aus dem ka¬ 
tholischen Lager vgl. Saul: Der Staat und die „Mächte des Umsturzes“, S. 334 — 336. 
55 F i 11 h au t, S. 116. 
56 Hitze in Arbeiterwohl 10 (1890), S. 142 f. 
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