Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

„An die Bergleute des Saarreviers“ wandte sich Dasbach am 31. Mai gegen die „Völk- 
linger Beschlüsse“: „In dem Auszuge heißt es nämlich immer: ,soll', ,sollen', ,müssen'. 
Die Bergleute sind Untergebene der Bergwerksbehörde; ein Untergebener hat nicht das 
Recht, zu den Vorgesetzten in solchem Tone zu reden, sondern er darf nur sagen: ,Ich 
bitte'“. Gleichzeitig verurteilte er die „vielen Versammlungen“, da „die beständige 
Besprechung der Beschwerden eine nachtheilige Beunruhigung hervorbringt“ 33 35. 
Auch dieser Schwenk dürfte sich nicht ohne sanften Druck aus Trier vollzogen haben. 
Am 23. April 1890 ersuchte Berlepsch jedenfalls den Oberpräsidenten Nasse, Korum 
zu bewegen, „auf den Kaplan Dasbach und die sonstigen in der ultramontanen Presse 
des dortigen Bezirks thätigen Geistlichen in vertraulicher Weise eine Einwirkung dahin 
auszuüben, daß diese Agitation aufhört und daß der Einfluß der katholischen Geistlich¬ 
keit in positiver Weise für eine Versöhnung der Gegensätze zwischen Bergwerksbesit¬ 
zern und Bergleuten verwerthet wird“M. Berlepsch wiederholte hier fast die Aufforde¬ 
rung Leos XIII. aus dessen drei Tage zuvor verfaßtem Breve an den Kölner Erzbischof, 
wonach es Aufgabe der Bischöfe sei, „die Uneinigkeiten zwischen den Klassen und 
Ständen beizulegen“^. 
Unter dem Pseudonym Herbert Freimuth unternahm es wohl wiederum Pfarrer La¬ 
ven, die päpstlichen Intentionen, den „Neuen Kurs“ und die Forderungen der Saar¬ 
bergleute unter einen Hut zu bringen. Seine Erzählung „Kaiser und Arbeiter“ erschien 
im Sommer 1890 im Verlag der „Neunkircher Volkszeitung“36. Ein Berliner Gelegen¬ 
heitsschriftsteller „Doktor Kurt“ bereist darin das Saarrevier, um die sozialen Mißstän¬ 
de zu eruieren — Wilhelm II. im literarischen Vexierspiegel als Arbeiterkaiser und ret¬ 
tender Erzengel zugleich. Trotz dieser unschwer erkennbaren Absicht wurde das 
Pamphlet am 8. Oktober 1890 beschlagnahmt37, da es den Inhalt des verbotenen „Sang 
von Lao Fumtse“ partiell referierte38. 
Obwohl auch Dasbach unablässig zum sozialen Frieden auf der Grundlage des „Neuen 
Kurses“ mahnte, blieb er der „bestgehaßte Mann im ganzen Saarrevier“39. „Niemand 
hat derselben (der Sozialdemokratie, d. V.) in unserer Gegend mehr Vorschub geleistet 
als der Kaplan Dasbach, und zwar ebensosehr durch seine hetzerische Thätigkeit, als 
durch seine gänzlich mißglückten Versuche, hinterher durch hohle Tiraden dieselben 
Neigungen bekämpfen zu wollen, zu deren Eindringen in die Massen er am meisten 
beigetragen hat“40. Was auf den ersten Blick als geistiger Salto des „Saarbrücker Ge¬ 
werbeblatts“ erscheint, besaß seine immanente Logik. Hinter derartigen Anwürfen 
versteckten sich nicht nur die alten Kulturkampfängste, vor allem manifestierte sich 
hierin die unterschiedliche Interpretation des „Neuen Kurses“. Liberale und Konserva¬ 
tive an der Saar vertraten nach wie vor die Ansicht, „wer die Sozialdemokratie 
. . . wirksam bekämpfen wolle, müsse zunächst die Autorität der Obrigkeit hochhal¬ 
33 SJVZ vom 31. 5. 1890 (Nr. 124). Vgl. Brandt, S. 77. Auch Fusangel riet dem „Alten Ver¬ 
band“ an der Ruhr, die Beiträge nur halbjährig einzuziehen, um unnütze Versammlungen zu 
vermeiden, Oldenberg, S. 952. 
34 HM Berlepsch an OP/Koblenz vom 23. 4. 1890, LHAK 403/7028, 237 f. 
35 C. Braun, S. 16. 
36 Exemplare KrASB S/5, LHAK 442/4304, 133 -140, SAFR, Best. RSV, 265. Am 13. Juli 1890 
erstmals in Gersweiler verteilt, BM Mainz/Gersweiler an LR vom 14. 7. 1890, KrASB S/6. 
37 SJZ vom 11. 11. 1890 (Nr. 265). 
38 LR Tenge/OTW an RP vom 25. 8. 1890, LHAK 442/4304, 285-288. 
39 TLZ vom 2. 9. 1890 (Nr. 241). 
40 SGB vom 12. 10. 1890 (Nr. 41). Ähnlich SBZ vom 19. 4. 1890 (Nr. 91). 
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