Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

folglos6. In dieser verfahrenen Situation fiel der Gedanke der Organisation auf frucht¬ 
baren Boden: Am 30. März 1890 bildete sich der ,,Rechtsschutzverein für die Bergleute 
der Grube St. Ingbert“. Die 783 Mann starke Belegschaft schloß sich nahezu vollstän¬ 
dig an. Der Verband war dem ,,Rechtsschutzverein für die bergmännische Bevölkerung 
des Oberbergamtsbezirks Bonn“ nachgebildet. Die Statuten stimmten fast wörtlich 
überein, der Jahresbeitrag betrug 1 M.7. 
Am 20. April überreichte der Vorstand des neuen Rechtsschutzverems dem Bergamt 
St. Ingbert einen Forderungskatalog. Doch man eröffnete ihnen, daß Beschwerden nur 
auf dem durch die Arbeitsordnung vorgeschriebenen Weg angenommen würden, also 
durch die Knappschaftsältesten8. Auf der von 700 Mitgliedern besuchten Generalver¬ 
sammlung des Vereins am 27. April prallten die unterschiedlichen Meinungen über die 
weitere Vorgehensweise zusammen. Der Versammlungsleiter verlangte sofortigen 
Streik für die unerfüllten Forderungen, der Knappschaftsälteste Karl Kaiser sprach sich 
für eine weitere Deputation aus. Regierungsassessor Kollmar vom Bezirksamt Zwei¬ 
brücken stellte sich auf Kaisers Seite. Er erklärte eine Deputation des Rechtsschutzver¬ 
eins für zwecklos, die Knappschaftsältesten als die allein berufenen Vertreter würden 
hingegen empfangen werden. Die Versammlung billigte diesen Vorschlag und vertagte 
den Streikbeschluß für 14 Tage9. Zwei Tage später verhandelten die Knappschaftsälte¬ 
sten mit dem Bergamt. Obereinfahrer Friedrich von Rudolph10 gestand eine Erhöhung 
des Schichtlohns zu und versprach, sich für eine Verkürzung der Schicht von 9Vz auf 
9 Stunden einschließlich Ein- und Ausfahrt einzusetzen11. Eine Versammlung des 
Rechtsschutzvereins in St. Ingbert am 11. Mai faßte keinen Beschluß. Mehrheitlich 
neigte man jedoch zum Streik12. Am kommenden Morgen machte Bergmeister Günt¬ 
her die Zugeständnisse vor der Belegschaft bekannt. Man glaubte ihm nicht. Rufe wie 
„Wir wollens schriftlich von München haben, eher arbeiten wir nicht“ schallten über 
den Zechenhof13. An diesem Morgen fuhren nur 47 Bergleute ein; bei dieser geringen 
Zahl von Streikbrechern blieb es auch in den nächsten Tagen14. Die Grubenverwaltung 
und das Bezirksbergamt Zweibrücken gaben sich weiterhin kompromißbereit. Als Kai¬ 
ser der Versammlung des Rechtsschutzvereins am 15. Mai mitteilte, Bergrat Höchstet¬ 
ter habe ihm gegenüber die Prüfung der Forderungen zugesichert, beschloß man die 
6 Bezirksamtmann Schlagintweit/ZW an RP/Speyer vom 29. 1. 1890, ebd. 
7 Dto. vom 19.5. 1890, ebd. Das Statut selber ist nicht erhalten. Imbusch, S. 401 f., H u e : 
Bergarbeiter, Bd. 2, S. 404, E. Schneider, S. 109 sowie Kiefer: 25 Jahre, S. 18 erwähnen 
die Gründung des Vereins; Hue und Imbusch datieren sie jedoch fälschlicherweise auf den 
Mai 1890, Schneider gibt an, es handele sich um Zweigvereine des saarpreußischen RSV. Vgl. 
Klaus-Michael Mall mann: Die Anfänge der Arbeiterbewegung in der bayrischen Saar¬ 
pfalz, in: SH 23 (1979), S. 177-182. 
8 Bezirksamtmann Schlagintweit/ZW an RP/Speyer vom 19. 5. 1890, LASP H 3/1867. 
9 RA Kollmar an Bezirksamt ZW vom 28. 4. 1890, ebd. Pfälzischer Merkur vom 3.5.1890 (Nr. 
103). 
10 Friedrich von Rudolph (1860 — 1930), seit 1. 7. 1889 Obereinfahrer (Betriebsleiter) von Grube 
St. Ingbert, seit 1.11. 1891 Grubenverwalter in Peißenberg, 1895 Bergmeister in St. Ingbert, 
seit 15. 2. 1905 Generaldirektor der bayrischen General-Bergwerks- und Salinen-Administra- 
tion in München. Vgl. Nutzinger/Böhmer/Johannsen, S. 317. 
11 Bezirksamtmann Schlagintweit/ZW an RP/Speyer vom 19. 5. 1890, LASP H 3/1867. 
12 Pfälzischer Merkur vom 12. 5. 1890 (Nr. 110). 
13 Bezirksamtmann Schlagintweit/ZW an RP/Speyer vom 19. 5. 1890, LASP H 3/1867. 
14 Vgl. die Telegramme Schlagintweits an RP/Speyer vom 14. und 15. 5. 1890, ebd. sowie BR 
Höchstetter/ZW an OB A/München vom 17. 5. 1890, LASP N 1/236. Kurze Erwähnung des 
Streiks bei E. S c h n e i d e r, S. 109. 
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