Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

einige Zeit nach Gegenden, wo sie hart arbeiten müssen“9. Der westfälische Oberpräsi¬ 
dent Konrad von Studt10 trug sich ebenso wie der Bergmeister Ernst Matthiass11 mit 
dem Gedanken, im Falle eines Streiks Soldaten als Bergarbeiter einzusetzen. Die 
,¡Preußischen Jahrbücher“ stellten fest: „Der Streik ist heute die eigentliche Waffe der 
Sozialdemokratie. Durch den Streik wird in den Massen das Bewußtsein des Gegensat- 
zes gegen die Besitzenden und der proletarische Korpsgeist erzeugt, der die Revolutio¬ 
nen macht“. Das deutsch-konservative Organ schlug darum vor, einerseits Arbeiter¬ 
ausschüsse und Einigungsämter einzurichten, andererseits jede Arbeitseinstellung und 
jede gewerkschaftliche Organisation nach dem Vorbild des Puttkamer’schen Streiker¬ 
lasses unter Strafe zu stellen12. 
In der Sitzung des preußischen Staatsmimsteriums am 12. Mai 1889 hatten sowohl Wil¬ 
helm II. als auch Bismarck „eine Verstaatlichung der Gewinnung der Kohlen“ als „an¬ 
zustrebendes Ziel“ bezeichnet13. In der Diskussion nach dem Mai-Streik kam man viel¬ 
fach auf diese Möglichkeit zurück: Wenn auch die Zeiten alter Knappenherrlichkeit 
vorüber wären, weil „die Liebe zur Sache entschwunden“ sei14 15, so meinte Hermann 
von Festenberg-Packisch doch, die entstandene Kluft durch eine Verstaatlichung der 
Gruben schließen zu können13. Aus sozialen, volkswirtschaftlichen oder militärischen 
Gründen griffen auch Georg Gothein16 und Karl August Hückinghaus17 diesen Vor¬ 
schlag auf, der vom „Verein für bergbauliche Interessen“ sofort heftig attackiert wur¬ 
de18. 
Ausgehend von der Kaiser-Audienz für die drei Ruhrdelegierten stellte das Zentrum 
den Gedanken der sozialen Verständigung in den Mittelpunkt seiner Bewältigung des 
Mai-Streiks. Dasbach forderte, „daß die höheren Bergbeamten mehr Fühlung nach un¬ 
ten suchen“19 und bezeichnete, ebenso wie Stötzel und Hitze, die Schaffung obligatori¬ 
scher Arbeiterausschüsse als „das beste Mittel, um aus all dem Wirrsal herauszukom¬ 
men“20. „Der Trotz, der falsche Stolz, welcher mit den Arbeitern nicht verhandeln 
will, der muß im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt und des Nationalvermögens be¬ 
9 Wohin steuern wir?, S. 78. 
10 Kirchhoff, S. 115. 
11 Ernst M a 11 h i a ß : Der nächste allgemeine Streik der deutschen Bergarbeiter und seine ratio¬ 
nelle Bekämpfung, Ratibor 1890, S. 56. 
12 Preußische Jahrbücher 64 (1889), S. 118 f. Vgl. Erlaß IM Puttkamer vom 11. 4. 1886, Ab¬ 
schrift LHAK 442/6385, 311 -316. Abgedruckt in Fricke: Bismarcks Prätorianer, S. 
338-340, sowie Blanke/Erd/Mückenberger/Stascheit, S. 73 - 75. Vgl. Eckart 
Kehr: Das soziale System der Reaktion in Preußen unter dem Ministerium Puttkamer, in: 
ders.: Der Primat der Innenpolitik. Gesammelte Aufsätze zur preußisch-deutschen Sozialge¬ 
schichte im 19. und 20. Jahrhundert, hg. von Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt - Berlin — Wien 
1976, S. 64 -86. 
13 Protokoll der Staatsministerialsitzung vom 12. 5. 1889, abgedruckt bei Grebe, S. 90-92, 
Zitat S. 92. 1891 scheiterte dieser Plan wegen zu hohen Kosten am Einspruch des preußischen 
Finanzministers. 
14 Festenberg-Packisch: Entwicklung und Lage des deutschen Bergbaus, S. 64. 
15 Ebd., S. 91 ff. 
16 Georg Gothein: Sollen wir unseren Bergbau verstaatlichen? Mit einem Anhang: Wie ver¬ 
bessern wir unsere Arbeiterverhältnisse?, Breslau 1890. 
17 Karl August Hückinghaus: Die Verstaatlichung der Steinkohlenbergwerke (= Staatswis¬ 
senschaftliche Studien, Bd. IV, 5), Jena 1892. Vgl. Wilhelm Sonntag : Die Verstaatlichung 
der Steinkohlenbergwerke als politische Forderung und die deutschen politischen Parteien in 
der Vorkriegszeit, Diss. Halle 1924, 
18 Glückauf/Essen vom 31. 5. (Nr. 44) und 4. 6. 1890 (Nr. 45). 
19 SJVZ vom 4. 6. 1889 (Nr. 127). 
20 Stötzel am 4. 12. 1889, RT-Protokolle, 7. LP, 5. Sess. 1889/90, Bd. 2, S. 663. Hitze am 15. 
3. 1890, LT-Protokolle, 17. LP, 2. Sess. 1889/90, Bd. 2, S. 738-745. 
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