Full text: Die saarländischen Weistümer, Dokumente der Territorialpolitik

vorgelegt hatte. Es ergibt sich hier also die gleiche Tendenz wie in Weistümern 
aus dem Nassau-Saarbriicker Herrschaftsbereich: Weistümer waren Beweismittel 
der schwächeren Partei, ihr Inhalt konnte je nach der Machtverteilung modifiziert 
werden oder auch erhalten bleiben. 
4.4. Die Funktion von Weistümern bei der Umwandlung der Schirmvogtei 
der Saarbrücker Grafen in die Landesherrschaft über das Stift St. Arnual 
und das Kloster Neumünster 
Die Veränderungen in den Beziehungen zwischen einem geistlichen Grundherrn 
und dem (Kasten-)Vogt und Landesherrn sollen gemeinsam am Beispiel des 
Klosters Neumünster und des Stiftes St. Arnual gezeigt werden: Zwei geistliche 
Institutionen von ganz unterschiedlichem Charakter wurden von den Grafen von 
Saarbrücken in ähnlicher Weise behandelt. St. Arnual war ein Augustinerchor¬ 
herrenstift607, dessen wichtigste Einnahmequelle sein ausgedehnter Waldbesitz 
war, Neumünster ein adeliges Benediktinerinnenkloster, das im siedlungsoffenen 
Land schon seit dem 9. Jahrhundert eine Grundherrschaft aufbauen konnte608. 
Gemeinsam war beiden geistlichen Institutionen, daß sie in unmittelbarer Nähe 
ihres gemeinsamen Vogtes ihren Sitz hatten: das Stift St. Arnual war ungefähr 
drei Kilometer von der Burg der Grafen in Saarbrücken entfernt, Neumünster 
nicht weiter von Ottweiler, dem Herrschaftszentrum der Grafen im nordöstlichen 
Saarland. Gemeinsam war ihnen auch, daß die Saarbrücker Vogteirechte — im 
Gegensatz zu Herbitzheim, Wadgassen und Fraulautern — nicht durch Ansprüche 
rivalisierender Mitherren begrenzt wurden. 
Die gräfliche Politik verfolgte jeweils sehr ähnliche Ziele: Im 13./14. Jh. 
bestand offenbar noch kein großes Interesse an einem Ausbau der Vogteirechte. 
Zwischen 1270 und 1386 waren sie an die Familie von Kirkel als Unterlehen 
vergeben, die dafür Burghutverpflichtungen in Saarbrücken übernahm609. Offen¬ 
bar arbeitete man damals noch nicht auf eine Umwandlung der Schirmvogtei in 
die Landesherrschaft hin. Differenzen mit den Herren von Kirkel, die durch je 
ein Weistum aus Neumünster und aus St. Arnual belegt werden, und die Erkennt¬ 
nis der Bedeutung von Stift und Kloster für die Entstehung eines geschlossenen 
Territoriums bewogen die Grafen, nach dem Aussterben der Familie von Kirkel 
die Lehen einzuziehen und nun selber die Rechte eines Vogtes und Hochgerichts¬ 
herrn auszuüben. 
Die Durchsetzung des landesherrlichen Einflusses endete um die Mitte des 16. 
Jahrhunderts in beiden Fällen mit der Säkularisierung. Sowohl in St. Arnual 
als auch in Neumünster sind Weistümer dabei sowohl ein wichtiges Mittel der 
Politik als auch ein lebendiges Zeugnis der Auseinandersetzungen gewesen. 
607 Vgl. Ruppersberg (wie Anm. 165). 
608 Vgl. Karl Schwingel, Beiträge zur Geschichte des Dorfes Neumünster (Ottweiler 
1954) bes. 25—45. 
609 Kremer (wie Anm. 127) 349—357; Codex diplomaticus Nr. 80. 
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