Full text: Die saarländischen Weistümer, Dokumente der Territorialpolitik

zu erheben sind. Das muß man als Reaktion der Schöffen und damit der Unter¬ 
tanen überhaupt gegen herrschaftliche Rechtsveränderungen in der Rezeptions¬ 
zeit ansehen. Die genauen Bußenweisungen dürften zum Teil im Interesse der 
armen Leute gelegen haben410, um willkürliche Steigerungen zu verhindern. 
Wie sich aus der Tabelle ergibt, wurde im 14. Jahrhundert noch kaum über 
Bußen gewiesen: zwar sind zufällig in drei Weistümern aus der ersten Jahr¬ 
hunderthälfte insgesamt fünf Vergehen genannt, für die Bußen zu zahlen waren, 
aber in der zweiten Jahrhunderthälfte gibt es keine einzige derartige Überliefe¬ 
rung und auch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sehr wenige. In der 
zweiten Jahrhunderthälfte nimmt die Zahl der Weisungen zu und erreicht in 
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Höhepunkt: fast 40 % aller Bußen¬ 
bestimmungen stammen aus diesem Zeitraum von 50 Jahren und fast 70 % aus 
dem gesamten 16. Jahrhundert. 
Aus der Zeitverteilung einzelner Rechtsbereiche lassen sich kaum Schlüsse ziehen: 
für die ersten 150 Jahre bis 1450 liegt nur eine zahlenmäßig kleine und vielleicht 
zufällige Überlieferung vor, so daß aus dem Vorkommen eines bestimmten Ver¬ 
gehens keine weiterreichenden Schlüsse gezogen werden können. Auch in späte¬ 
rer Zeit ist das Zahlenmaterial zu gering, um es statistisch auszuwerten. 
Möglich ist jedoch die Untersuchung nach Rechtsbereichen: die ersten sieben 
Bußenweisungen in der Tabelle betreffen Vergehen, die das Fundament der 
(Grund- und Niedergerichts)Herrschaft zerstören könnten. Die folgenden sechs 
Bestimmungen betreffen Taten im Grundherrschaftsbereich, die letzten sechs 
dann vom Niedergericht zu ahndende Frevel bzw. Vergehen gegen die Gerichts¬ 
hoheit des jeweiligen Herrn. 
Die unterschiedliche Bedeutung der Rechtsbereiche — für die frageberechtigte 
Herrschaft — läßt sich an der prozentualen Verteilung erkennen. 51,4 % aller 
Bußenbestimmungen betreffen Taten, die als Nichtanerkennung der Herrschafts¬ 
beziehung verstanden werden konnten und auch wurden. Grundangelegenheiten 
betrafen nur 23,5 % aller Bußenbestimmungen und Frevel und Gerichtsangelegen¬ 
heiten nur 25,1 %. 
In den Weistümern sind fast ausnahmslos Gerichtsbußen niedergelegt, Gemeinde¬ 
bußen, die es mit Sicherheit auch gab, kommen darin nie vor. In einigen Fällen 
wird der Gemeinde ein Anteil an einer Buße zugesprochen, die Vergehen, für 
die sie verhängt wurde, gehören aber eigentlich in den Autonomiebereich der 
Gemeinde (z. B. Frevel an Gemeindeeinrichtungen). Der schriftlich niedergelegte 
Anspruch auf einen Teil der Buße kam also nicht der Genossenschaft zugute, 
sondern stellt vielmehr einen Eingriff der Niedergerichtsherrn in die innere 
Autonomie dar. Entsprechendes läßt sich ja auch an den Weisungen über die 
Setzung von Grenzzeichen verfolgen411. Die wenigen Belege für Gemeindebußen 
betreffen Vergehen im Gemeindewald, an Gemeindewegen und -zäunen, in allen 
Fällen geht es um die Abgrenzung des Gemeinderechtes gegen das Herren¬ 
410 Wenn man auch daneben nicht vergessen darf, daß die kleineren Grundherren die 
Weistümer zur Verteidigung ihrer alten Rechte gegen den Vogt oder Landesherrn 
verwendeten und daher insbesondere an einer genauen Abgrenzung ihrer Gerichts¬ 
rechte gegenüber der oberen Instanz interessiert waren. 
411 Vgl. oben S. 69. 
122
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.