Volltext: Die Wüstungen des Saarlandes

und Bedeutung eines heutigen Haufendorfes oder eines Haufendorfes des 
19. Jahrhunderts ausgehen. Die große Ausdehnung dieser Dörfer ist schlie߬ 
lich in der Regel Prozeß und Ergebnis einer späten Zeit. Dazu kommt noch, 
daß diese Beschränkung auf Dorfwüstungen für Gebiete mit Einzelsiedlun¬ 
gen und vor allem für solche mit überwiegender Zahl derselben wenig 
glücklich ist. Einen weiteren Grund führt Scharlau an: „Durch die Vernach¬ 
lässigung wüster Einzelsiedlungen werden zum mindesten unsere an sich 
schon nicht reichlich fließenden Quellen für die historische Siedlungs¬ 
geographie um einen beträchtlichen Bruchteil vermindert90.“ Wieviel wert¬ 
volles Material ginge der Wirtschafts-, Siedlungs- und Landesgeschichte, 
aber auch anderen Forschungszweigen, verloren, wollte man die Einzel¬ 
siedlungen außer acht lassen. Wahrscheinlich wird auch ein Vergleich der 
beiden Varianten des Siedeins neue Gesichtspunkte und Erkenntnisse er¬ 
bringen. 
Eine andere Möglichkeit besteht darin, daß zunächst einmal das Dorf ver¬ 
schwindet; sodann bleibt ein Hof an seiner Stelle, der nach kürzerer oder 
längerer Zeit, ja sogar erst nach Jahrhunderten, ebenfalls wüst wird. So 
schreibt D. Weber, „daß man theoretisch eigentlich von zwei Wüstungen 
sprechen muß", fährt aber dann fort, „es sei dies jedoch nicht als neues 
Wüstwerden einer anderen Siedlung anzusehen91." Ein Beispiel dieser Art 
stellt Eischweiler oder Eschweiler bei Kirkel-Neuhäusel im Kreis Homburg 
dar. 1212 ist noch ganz klar die Rede von dem Ort Eschweiler. Das Kloster 
Werschweiler hatte Besitz in Eschweiler, und einiges kam noch durch Kauf 
und Schenkung hinzu. 1564 heißt es in einer Notiz bei Tilemann Stella, 
daß Eischweiler, der Hoi, abgegangen war92. 
Bei der Grangienbildung der westpfälzischen Klöster ist diese Erscheinung 
öfter zu beobachten. Viele Einzelhöfe im klösterlichen Besitz fallen vor 
dem 16. Jh. wüst; zuvor hatten die Klöster die Dörfer allmählich durch 
Tausch oder Kauf, durch freiwillige oder unfreiwillige Schenkungen, in 
ihren Besitz bekommen. 
Entsteht nach langer Zeit auf dem Standort einer früheren Siedlung ein 
neues Dorf, ist der Wüstungscharakter der vorangegangenen Siedlung 
keineswegs aufgehoben, vorausgesetzt, daß beide entwicklungsgeschichtlich 
nichts, höchstens den Namen, gemein haben. Hier stellt sich das zeitliche 
Problem. Es ist schwierig, genau festzulegen, wo die Grenze zwischen 
vorübergehender „Verheerung" oder „Verwüstung" und dem echten Wüst¬ 
fallen liegt. Man kann Beschorner nur zum Teil zustimmen, wenn er sagt: 
„Denn ein Dorf, das in Kriegszeiten nur auf einige Jahre oder Jahrzehnte 
von seinen Bewohnern verlassen wurde, wie das während und nach dem 
Dreißigjährigen Kriege häufig vorkam, kann nicht gut als Wüstung betrach - 
90 K. Scharlau, Wüstungen (1933), S. 2 Anm. 6. 
91 D.Weber, Wüstungen in Württemberg, S. 15. 
92 Tilem. Stella, fol. 234 f. 
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