Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

des Wesen, weshalb dieser Versuch eben Eudämonismus ge¬ 
nannt ist. 
Dieser Ansatz „Glückseligkeitwollendes Bewußtsein“ bezeich¬ 
net aber nicht etwa das menschliche Bewußtsein in einem be¬ 
sonderen Wollen, das sich von anderem dadurch unterschiede, 
daß Glückseligkeit sein Zweck wäre. Epikur, der es sich hat 
angelegen sein lassen, diesen Ansatz griechischer Ethik klar 
herauszustellen, weist immer darauf hin, daß alles Wollen 
Glückseligkeitwollen, also der Zweck jedes Wollens die Glück¬ 
seligkeit des Wollenden sei; kurz gesagt: es gebe überhaupt 
kein anderes Wollen als Glückseligkeitwollen und zwar dies so 
verstanden, daß, wer immer will, seine Glückseligkeit will. 
Geht demnach diese Ethik davon aus, daß menschliches Bewußt¬ 
sein, wann immer es will, die eigene Glückseligkeit zum Zweck 
haben muß, so kann die Frage, „was ist sittlich?“, da sie sich 
doch auf Wollen beziehen muß, nicht das Wollen als Glück¬ 
seligkeitwollen selbst treffen. Wenn wir von sittlichem Wollen 
reden, so meinen wir ein besonderes Wollen, von dem wir 
nach altem Brauch „nichtsittliches“ Wollen unterscheiden, und 
somit ist es ausgeschlossen, daß diese Ethik etwa von dem 
Glückseligkeitwollen, was nach ihr jedes Wollen ist, als „sitt¬ 
lichem“ spräche. Gäbe es nun nur Wollen mit einfachem 
Zweck, so würde es für diese Ethik, die als den Zweck jedes 
Wollens die eigene Glückseligkeit voraussetzt, nicht möglich 
sein, von sittlichem Wollen als einem besonderen Wollen zu 
reden, da ihr das Gewollte alles Wollens dann eben die Glück¬ 
seligkeit des Wollenden sein müßte. 
Nun kennen wir außer dem einfachen Zweck auch den 
Reihenzweck im Wollen1, und wir unterscheiden ein Wollen 
von einem anderen, wenn beider Zweck ein Reihenzweck ist, 
nicht nur in Ansehung des „Endzweckes“, sondern auch in An¬ 
sehung des „Mittels zum Zweck“ und zwar das Letzte auch in 
dem Falle, daß der Endzweck in beiden Fällen derselbe ist. 
1 s. Rehmke, „Die Willensfreiheit“ S. 24fr. u. ö. 
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