Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

Gott nennt, hat auch nur Sinn unter der Voraussetzung, daß 
das Liebende und das Geliebte nicht ein und dasselbe Ein¬ 
zige sind, der Pantheismus aber kennt nur Eines, so daß hier 
die „Liebe“ unverständlich bleibt. Wie sehr Spinozas „Ethik“ 
stillschweigends auf Religion gestellt ist, erhellt auch besonders 
daraus, daß es sich für sie nur um Gott und das einzelne mensch¬ 
liche Bewußtsein handelt in völlig entsprechender Weise, wie 
ja eben das religiöse Verhältnis als solches nur mit Gott und 
dem einzelnen menschlichen Bewußtsein sich befaßt und noch 
andere Bewußtseinswesen hierbei gar nicht unmittelbar in Be¬ 
tracht kommen. 
Aber Religion und Pantheismus können nicht zusammen 
hausen; dieser anerkennt nur ein Einziges (Jv xai nuv\ jene 
setzt immer zwei Einzelwesen, Gott und menschliches Bewußt¬ 
sein voraus, Der Religiöse kennt das Sittliche als das dem Ge¬ 
bote Gottes folgende Wollen menschlichen Bewußtseins. Der 
Pantheist kennt nur Gott, aber kein menschliches Bewußtsein 
als besonderes Einzelwesen, darum auch nicht als wollendes 
Wesen, und so müssen ihm auch Pflicht und Sittlichkeit, die 
der Religiöse kennt, leere Worte sein; seine Welt ist Gott und 
Gott ist das einzigste Einzige, wie der Solipsist sich selbst das 
einzigste Einzige ist. Wäre der Pantheist nicht tatsächlich ver¬ 
kappter Religiöser, es würde nie bei ihm von einer „Ethik“ und 
insbesondere Pflichtethik die Rede sein. 
Was wir nun bisher an Versuchen einer Pflichtethik betrach¬ 
tet haben, hat der Prüfung auf Ethik als Wissenschaft nicht 
standgehalten, auch nicht die auf Religion gegründete „Ethik“, 
obwohl sie immerhin das Sittliche als besonderes Wollen 
erfaßt, das uneingeschränkt auf menschliches Bewußtsein 
überhaupt geht, aber freilich ein Zwangswollen bedeutet, da 
es durch Gottes Gebot bedingt ist, also in Zwangspflicht 
steht. 
Außer diesen Versuchen einer Pflichtethik als Wissenschaft 
findet sich noch in der Geschichte der von Immanuel Kant 
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