Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

tende und das Gehorchende nicht ein und dasselbe sein können, 
sondern voneinander geschiedenes Bewußtsein (Einzelwesen) sein 
müssen, also daß in unsrem Fall eines von den angeblichen 
Teilwesen des zusammengesetzten Bewußtseins das gebietende, 
ein anderes das gehorchende Bewußtsein bedeutete — ganz ab¬ 
gesehen davon also, daß sich selbst gebietendes Bewußtsein“ 
ein Widerspruch in sich ist, erweist sich auch das Wort „zu¬ 
sammengesetztes Bewußtsein4’ als ein nicht mit Sinn zu 
erfüllendes Wortgebilde,‘ mit anderen Worten als ein Wider¬ 
spruch in sich. 
Der Pantheismus muß also diese Widersprüche überwinden, 
oder es ist um ihn geschehen. Es ist nicht von Ohngefähr, daß 
der Pantheist — ich weise insbesondere auf die Stoiker und 
auf Spinoza hin — das, was er „Gott“ nennt und als Einziges 
bestimmt', dem alles, was wir an Besonderem sonst noch ken¬ 
nen, zugehört, nicht als rein geistiges Wesen, sondern auch 
als räumliches, dingliches Wesen begreift. Bei den von vorn¬ 
herein materialistisch eingestellten Stoikern ist dies ohne wei¬ 
teres verständlich; wenn auch Spinoza im selben Lager steht, so 
ist das daraus zu erklären, daß nur die materialistische Auffül¬ 
lung ihm irgendwelchen Sinn in den Pantheismus (ev xal nuv) 
bringen konnte. Nur wenn „Gott“ oder „die Natur" räum¬ 
liches Einziges, wie es Stoikern als Materialisten selbstverständ¬ 
lich war, ist, läßt sich verstehen, daß Alles, was sonst noch an 
Einzelwesen sich bietet, Gott Zugehöriges, nämlich sein Teil¬ 
wesen, „Gott“ also nicht einfaches, sondern zusammenge¬ 
setztes Einzelwesen oder mit anderen Worten ein aus allen 
sonstigen Dingen zusammengesetztes Ding ist. Aber auch nur 
von seiten des Räumlichen, Dinglichen konnte der Schein einer 
Hilfe ihm kommen und auch nur, wenn alles Geistige als eine 
besondere Eigentümlichkeit der Körper, also diesem zugehörig 
erachtet wird. Also nur als Materialist sinkt scheinbar der Pan¬ 
theist nicht ohne weiteres ins Grab; ohne diese freilich sehr 
1 S. Rehmke, Philosophie als Grundwissenschaft S. 312 ff. 
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