Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

genannt wird, wenn der Religionsethiker erkennt, daß das diese 
„Handlung“ wirkende Bewußtsein nicht „Gottes willen wollendes 
Bewußtsein“ war. Also nicht das handelnde (willens wirkende) 
Bewußtsein als solches steht in der Religionsethik in Frage, 
wenn das Sittliche in Betracht kommt, sondern das wollende 
Bewußtsein als solches, das dem Gottesgebot entspricht, also 
Gottes Willen will, ganz abgesehen von der Willens h and - 
lung als der Wirkung solchen Wollens. Daß das Sittliche 
der Religionsethik, das „Gottes willen wollen“, ein Zwangs¬ 
wollen sei, bestätigt der Religiöse genugsam, indem er von 
der „Furcht des Herrn“, der „Gottesfurcht“ redet, „dienet dem 
Herrn in Furcht und Zittern“, „die Furcht des Herrn ist der 
rechte Gottesdienst“ und wie Luther in seinem Katechismus 
immer wiederholt: „Wir sollen Gott fürchten“. Man wird mir 
vielleicht entgegnen,Luther füge doch stets hinzu „und lieben“, 
und aus Liebe Gottes Willen wollen sei doch etwas anderes als 
„aus Furcht Gottes Willen wollen“ d. i. „gezwungen wollen, 
was Gott will“. Schon früher habe ich darauf hingewiesen, 
daß, wenn die Liebe einsetzt, es mit Herrschen und Dienen, 
mit „Gebot“ und „Sollen“ und somit auch mit der Herrschafts- 
ethik ein Ende hat. „Gott lieben“ heißt „sich eins mit ihm 
wissen“ und dies schließt „Gott fürchten“ aus, so daß wir nicht 
zugleich Gott fürchten und lieben können. Eine Ethik also, 
die auf Gott den Herrn und sein Gebot abstellt, kann nicht 
auch auf die Liebe zu Gott gestellt sein, das Eine löscht das 
Andere schlechthin aus. 
Sprechen wir daher von Religionsethik als einer Pflicht¬ 
ethik, so sind wir an Gott den Herrn, an Gottes Gebot und 
an die Gottesfurcht des menschlichen Bewußtseins gebunden; 
hierbei schaltet dann die Liebe, sei es Gottes Liebe, sei es die 
Liebe zu Gott völlig aus. Wenn wir aber von der Ethik als 
Wissenschaft vom Sittlichen handeln, haben wir immer mit 
wollendem Bewußtsein zu tun, sind also ohne weiteres in 
die Wirklichkeit versetzt; denn „wollen“ und „wirken¬ 
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