Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

besondere Lebenseinheit, hinüberschweift, was sich wohl als 
Erbschaft des Sokrates verstehen läßt, da dieser denjenigen, der 
wissen will, was gute (ethische) Lebensführung sei, vor allem 
auf die überlieferte Sitte als das Gesetz einer Lebenseinheit 
„Staat“ verweist. Die ganze Geschichte der Ethik spricht in 
der Tat laut dagegen, daß unter dem „Sittlichen“ das „der 
Sitte Gemäße“ zu verstehen sei; folgen wir also ihr, wie es 
billig ist und sich auch aus der Sache selbst erweisen wird, so 
fällt für uns die Sitte und die Pflichtethik, sofern sie sich auf 
das Gesetz einer Lebenseinheit (Sitte) stützt, bei der Be¬ 
antwortung unserer Frage „was ist sittlich?“ ganz aus. Denn 
solche Pflichtethik, die wir Staatsethik nennen müßten, da 
sie das „Sittliche“ als das der Staatssitte Gemäße faßt, würde, 
wie die Geschichte lehrt, nur einen Bruchteil dessen decken, 
das doch mit dem Worte „sittlich“ bedacht zu werden pflegt, 
würde nur das staatsbürgerliche Bewußtsein in seinem 
Wollen treffen, und bestenfalls nur für ein besonderes Stück 
der Ethik als Wissenschaft durchgehen können. Doch dies 
letzte läßt sich erst entscheiden, wenn wir die Hauptfrage „was 
ist sittlich?“ endgültig beantwortet haben, in Betreff deren wir 
auf Grund der Geschichte nur so viel feststellen können, daß 
das Wort „sittlich“ seinem Sinne nach keineswegs sich deckt 
mit „der Sitte gemäß“ und auch nicht mit dem Worte „der 
Staatssitte d. i. dem Staatsgesetze gemäß“. 
Gehen wir aber der Geschichte der Ethik nach, so ist es be¬ 
merkenswert, daß wir verschiedentlich, wenn auch nicht auf 
eine Staatsethik, so doch immerhin auf eine Pflichtethik 
stoßen, die allerdings, wie gesagt, das Sittliche weder mit der 
Staatssitte noch mit der Sitte einer anderen Lebenseinheit von 
Bewußtseinswesen zusammenfallen läßt. Da aber alles, was 
„Pflicht“ heißt, nur auf dem Boden einer Einheit wollender 
Bewußtseinswesen erwachsen kann, so leuchtet ein, daß, was 
immer wir in der Geschichte der Ethik an Pflichtethik über¬ 
haupt antreffen, nur auf diejenige Einheit wollender Bewußt¬ 
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