Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

Jeder Satz andrerseits, der ein „Gesetz“, also ein Müssen aus¬ 
drückt, sei es Naturgesetz, sei es Lebenseinheitgesetz, löst mit 
Grund die Frage „warum?“ aus, die eben auf das in jedem 
Gesetz steckende „wenn“ und dessen Klarstellung zielt. Hieraus 
ist ersichtlich, welch unausiüllbarer Spalt zwischen Müssen 
und Sollen, zwischen Gesetz und Gebot gähnt, insbeson¬ 
dere auch zwischen Lebenseinheitgesetz und Gebot trotz 
der Doppelverwandtschaft, daß beide nur mit Bewußtseinswesen 
und zwar auch nur mit wollenden Bewußtseinswesen zu tun 
haben und beide für ihre Bewußtseinswesen — beim Gebot 
freilich nur für die Diener, beim Gesetz dagegen für alle — 
die zwei Wollensmöglichkeiten, dem Gebot oder dem Gesetz 
zu entsprechen und zu widersprechen, voraussetzen. 
Ist nun die Sitte einer Lebenseinheit zweifellos für den Lebens- 
einheitler Gesetz, so kann sie nicht Gebot sein, was auch daraus 
schon hervorgeht, daß die Sitte alle der Lebenseinheit zugehörigen 
Einzelwesen in gleichem Sinne angeht, während ja das Gebot 
sich nur in einer Einheit findet, in der nicht alle gleich ein¬ 
gestellt sind, da in ihr außer Diener auch Gebieter sich findet. 
Daß die Sitte nicht Gebot, sondern Gesetz ist, nicht ein Sol¬ 
len, sondern ein Müssen für den Lebenseinheitler bedeutet, in 
dieser Wahrheit darf man sich nicht irremachen lassen, wenn 
nach alter irrender Übung die Sitte oder das Gesetz den zu ihr 
gehörigen Bewußtseinswesen, insbesondere angesichts der zwie¬ 
fachen Möglichkeit, zu entsprechen oder zu widersprechen, im 
Wortkleide des „Sollens“ und „Gebotes“ vielfach vorgetragen 
wird. Wann immer dies geschieht, läßt sich unschwer nach- 
weisen, daß man entweder die Lebenseinheit irrigerweise als 
ein gebietendes Bewußtseinswesen behandelt, so daß eben die zu¬ 
gehörigen Bewußtseins wesen in der Tat als Diener in einer Herr¬ 
schaft und nicht in einer Lebenseinheit gedacht sind, oder, daß 
man dem Gesetz jenen falschen Mantel „hypothetischer Impe¬ 
rativ“ umgehängt hat. Im zweiten Falle wäre das Gesetz freilich 
„Gesetz“ geblieben und nicht gegen „Gebot“ ausgetauscht. Wir 
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