Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

oder „Verein11 ist zwar ohne Zweifel Einziges, aber sie ist eben 
nicht Einzelwesen, daher auch insbesondere nicht Bewußtsein. 
Die zähe Mär vom „Staat“ als Organismus, die älter ist als 
Menenius Agrippa, bleibt doch nur eine lockende Dichtung, 
die der Tatsache dieser Einheit von Bewußtseinswesen keines¬ 
wegs auch nur als Bild gerecht wird, und die Staatsphilosophie 
täte gut daran, mit dem Organismusstaat und dem „Willen“ des 
Staates endlich und gründlich aufzuräumen. Jeder Staat ist 
zwar Einziges und eine Einheit menschlicher Bewußtseins wesen, 
ist, mit anderen Worten, die auf den einigen Willen seiner 
Bewußtseinswesen gestellte Einheit, also eine Lebeneinheit; dar¬ 
um ist er aber doch noch nicht ein Einzelwesen, geschweige 
denn Bewußtsein, und seine „Gesetze“ keine Gebote, keine 
Forderungen, sondern eben der Ausdruck seiner Sitte. Wer ein¬ 
wenden möchte, daß die Gesetze des Staates doch, je nach der 
Auffassung des Staates als einer Gesellschaft oder einer Gemein¬ 
schaft, von „Mitgliedern“ oder „Gliedern“ der Lebenseinheit 
erst gemacht würden, die Sitte des Staates dagegen nicht, so sei 
vorerst daran erinnert: ein Anderes ist die Sitte, ein Anderes 
die festgestellte Sitte, die wir die „Gesetze“ des Staates nennen; 
dann aber haben wir auch noch die Gegenfrage: woraus gebiert 
sich denn die Sitte der Lebenseinheit, wenn nicht aus ihren 
Bewußtseinswesen ? 
Da man denn die Sitte nicht als die Forderung oder das 
Gebot der Lebenseinheit, die ja weder Bewußtsein noch 
überhaupt Einzelwesen ist, begreiflich machen kann, so wird 
man vielleicht die alte Gepflogenheit, vom „Wollen“ der Lebens¬ 
einheit und auch vom „Sollen“ des Lebenseinheitlers zu reden, 
dadurch zu rechtfertigen suchen, daß man erklärt, zwar nicht 
die Lebenseinheit selbst, indes doch ein oder mehrere ihrer 
Lebenseinheitler fordern oder befehlen „im Namen“ dieser 
Lebenseinheit. Hiermit wäre allerdings das schlechthin nötige 
aridere Bewußtsein zur Stelle gebracht, aber wer in aller Welt 
kann befehlen oder fordern, „im Namen“ von etwas, das, wie 
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