Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

haupt, auf den uns das Wort ,,Sitte“ hinweist, doch irgendwie 
auch derjenige ist, den das Wort sittlich uns anweist. Wie 
ließe sich sonst verstehen, daß dem Gegebenen, das wir „sittlich* 
nennen, diese seine Benennung von dem Worte „Sitte** abge¬ 
leitet worden ist? Wüs ist aber der Platz im Gegebenen über¬ 
haupt, fragen wir darum, auf den wir hingewiesen sind, wenn 
von Sitte die Bede ist? Die Antwort auf diese Frage muß uns 
den ersten Anhalt geben, unserem Worte „sittlich“ seinen wissen¬ 
schaftlichen Sinn zu finden. 
Das Wort „Sitte“ führt uns ohne weiteres auf ein in Einheit 
Zusammensein menschlicher Bewußtseinswesen, das wirLebens- 
einheit nennen. „Lebenseinheit“ nämlich bedeutet uns eine 
Einheit menschlischer Bewußtseinswesen, die auf ein einiges 
d. i. auf ein und dasselbe Wollen ihrer Bewußtseinswesen ge¬ 
stellt ist, so daß ein und derselbe Wille dieser Bewußtseinswesen 
diese Lebenseinheit trägt. Was wir demnach als Lebenseinheit 
ansprechen, ist nicht auf den Zufall, daß Bewußtseinswesen ge¬ 
rade einmal dasselbe Wollen zeigen, gestellt, sondern sie selbst 
auch ist das auf Grund dieses Wollens der betreffenden Bewußt¬ 
seinswesen gemeinsam Gewollte: alle zu einer Lebenseinheit 
gehörigen Bewußtseinswesen sagen eben: „Wir wollen in die¬ 
ser Einheit zusammen sein.“ 
Solcher Einheit menschlicher Bewußtseinswesen, die auf ein 
einiges Wollen dieser Wesen gestellt ist und die wir eben „Lebens¬ 
einheit“ heißen, finden sich zwei besondere, die wir die eine 
„Gesellschaft“ und die andere „Gemeinschaft“ nennen. Diese zwei 
Lebenseinheiten unterscheiden sich aber in besonderer Weise. 
Wir kennen den Unterschied „einfacher Zweck oder Selbst¬ 
zweck** und „Reihenzweck“.1 In dem Gewollten dann, das 
Reihenzweck heißt, unterscheiden wir noch „Mittel“ und 
„Zweck“, eine Unterscheidung, die gerade in Betracht kommt, 
wenn wir die Lebenseinheit „Gesellschaft“ von der Lebensein¬ 
heit „Gemeinschaft“ unterscheiden. In der „Gesellschaft“ näm- 
1 Siehe Rehmke „Die Willensfreiheit“, S. 25 ff. 
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