Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

liehe Bewußtsein, wenn es zum Selbstbewußtsein kommt, zu¬ 
nächst unklares Selbstbewußtsein aufweist. Im übrigen aber 
kann auch kein Zweifel sein, daß Wesenveränderung des Be¬ 
wußtseins, sei es nun von Unklarheit zu Klarheit, sei es von 
Klarheit zu Unklarheit, auch ohne ein menschliches Bewußt¬ 
sein, das die wirkende Bedingung der Wesenveränderung wäre, 
eintritt, also die wirkende Bedingung auch anderes Gegebenes 
als ein wollendes Bewußtsein ausmacht. 
Dies indes sei in bezug auf die Wesen Veränderung des Be¬ 
wußtseins nochmals betont, daß diese Wesenveränderung eines 
menschlichen Geistes nicht von diesem selbst gewollt 
sein kann, denn, wer sich Geist weiß, kann das „sich Geist 
wissen“ nicht für sich wollen, da er ja dieses „sich Geist 
wissen“ schon aufzuweisen hat. Kommt daher das Wollen 
eines Bewußtseins als wirkende Bedingung der Wesen Veränderung 
eines Bewußtseins, insbesondere also der Wesenveränderung 
von Unklarheit zu Klarheit in Frage, so ist dieses wollende Be¬ 
wußtsein niemals dasjenige Bewußtsein, das die Wesenver¬ 
änderung erfährt, sondern immer anderes Bewußtsein, dessen 
selbstloses und stellvertretendes Wollen eben die wirkende Be¬ 
dingung der in Rede stehenden Wesen Veränderung bedeutet. 
Und zwar hat hier das stellvertretende Wollen noch einen ganz 
besonderen Sinn, als das wollende Bewußtsein für ein Be¬ 
wußtsein etwas will, das es für sich selbst gar nicht wollen 
kann. In der christlichen Religionsethik kommt dieses zum 
Ausdruck durch „nicht aus eigenem Verdienst und Würdigkeit, 
sondern aus göttlicher Güte und Barmherzigkeit“, wobei eben 
an die Stelle des die Wesen Veränderung1 des anderen Bewußtseins 
wollenden menschlichen Geistes der göttliche Geist getreten ist. 
Nunmehr haben wir unserer Frage „was ist sittlich“ die 
volle Antwort gefunden: Sittlich ist das Wollen mensch¬ 
1 Vgl. Luther im kleinen Katechismus, der die Wesenänderung so 
zum Ausdruck bringt: »daß der alte Adam soll ersäufet werden und 
auferstehen ein neuer Mensch“. 
155
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.